Hans Dieter Trayer (*1941), Schauspieler

Hans Dieter Trayer ist Schauspieler und Schauspielcoach (Trayer Studio München für Schauspielcoaching und Präsentationscoaching). Sowohl in der einen als auch in der anderen Rolle arbeitet er nach der Methode des amerikanischen Schauspiellehrers Lee Strasberg ( * 1901 † 1982). Um eine Figur möglichst wahrhaftig darzustellen, findet er Situationen in der eigenen Biografie, denen er im Schauspiel nachspürt.

Am 15. Februar 2021 feierte der Münchner Schauspieler seinen 80. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

„Das Leben – ein Spiel“ ist die kurze Biografie Hans Dieter Trayers. Mein Text beruht auf zwei lebensgeschichtlichen Interviews und vielen Fragen.

Textauszug:

Schauspielen ist Leben

Im Training bei Schauspiel-Coach Susan Batson spielt Hans Dieter Trayer in einer Szene aus „Who is afraid of Virginia Wolf“ den George. Für sein Gegenüber im Spiel, seine Ehefrau Martha, wählt der Schauspieler den Charakter seiner Mutter. Im begrifflichen System der amerikanischen Schauspieltrainerin ist das ein „character private moment“. – „Das hat mich so aufgerissen. Ich konnte schreien und heulen. Das war sensationell. Susan hat danach zu mir gesagt, ich hätte noch ein paar Stunden weitermachen können. Ich lag da so drauf“. 

Biografisch gesehen verbindet dieser Kommentar die vielen Momente im Leben von Hans Dieter Trayer. Es sind Momente, die passen. – Dabei fällt ihm manches zu, manches muss er sich erkämpfen oder erarbeiten und genauso ist es bei seinen Rollen.

Für uns war es das Paradies

Am 15. Februar 1945 feiert Hans Dieter Trayer seinen vierten Geburtstag. Eine Woche später sterben innerhalb von 20 Minuten 17.600 Menschen beim Bombenangriff auf Pforzheim. Zu den Opfern der britischen Luftangriffe zählen zwei Tanten und eine fünfjährige Cousine. Ein Onkel wurde als 17-Jähriger gegen Ende des Krieges eingezogen. Drei Monate später ist er tot. – Eine Familie, viele Opfer.

Am 23. Februar 1945 zerstören Bomben 98 Prozent der Gebäude in Pforzheim, darunter das Haus der Großeltern, in dem auch Hans Dieter Trayer mit seinen Eltern und der dreieinhalb Jahre älteren Schwester Renate wohnt. Die Familie überlebt. Die Mutter mit den Kindern, weil sie sich bei einer Freundin auf dem Land einquartiert hatte, der Vater, weil er als Soldat zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Hans Dieter Trayer verliert Freunde und Spielsachen. Was wirklich passiert ist, wird sich erst dem Erwachsenen erschließen.

Mit Mutter und Schwester verbringt der Vierjährige bereits vor dieser zerstörerischen Nacht des 23. Februar 1945 die Stunden des Bombenalarms. In der Nähe des großelterlichen Hauses bietet ein Stollen Schutz. – Heulende Sirenen, ein zum Luftschutzkeller umfunktionierter unterirdischer Gang und der Spielplatz mit Sandkasten im Stadtpark gegenüber sobald es Entwarnung gibt, gestalten die Szenerie, in der Hans Dieter Trayer die letzten Kriegstage erlebt. Es ist gleichzeitig die Kulisse der ersten Kindheitserinnerungen des späteren Schauspielers. „Da hab ich die Erfahrung gemacht, dass man jeden Moment tot sein könnte.“

Julia Weigl-Wagner: Hans Dieter Trayer / Das Leben – Ein Spiel, 2021

Selbstverlag

Foto: Christian Dlusztus

Update – Baukultur in der Oberpfalz

Zwei Kataloge – ein Titel „Aktuelle Architektur der Oberpfalz“, Band I und IV. Dazwischen liegen 20 Jahre. Der aktuelle Band ist doppelt so dick und doppelt so interessant.

Wer sich mit beiden Publikationen beschäftigt, erfährt, was sich in der Zwischenzeit getan hat. Während sich Architektinnen und Architekten vor 20 Jahren im Kampf gegen den Flächenfraß gebauter Scheußlichkeiten auf die reine Form konzentrierten, um an den Kern einer neuen Baukultur zu gelangen, beflügelt heute eine neue Freiheit das Bauen in der Oberpfalz. – So wie beim Verwaltungsgebäude der Ziegler Group in Plössberg. Dort sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil es kein Wald ist sondern ein Haus. Aus vertikal aneinander gereihten Baumstämmen formen Brückner & Brückner Architekten die massive wie filigrane Hülle lichtdurchluteter Arbeitsräume. Der Blick hinaus ins Freie verbindet 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Zieglerschen Produkt. Holzstämme soweit das Auge reicht. „Im Dunkeln leuchtet das Haus wie eine hölzerne Laterne im Wald.“ – Das ist Poesie, nicht nur Holzwirtschaft, umgesetzt in ein Haus.

Feiner Monolith, in der Ortsmitte gelandeter Meteorit

Einen feinen wie monolithischen Akzent setzt die FIT AG in die Monotonie eines Gewerbegebiets. Das Unternehmen für additiven Fertigung findet im Architekturbüro Berschneider + Berschneider einen innovationsgetriebenen Sparringspartner, der wie die FIT AG weit über das rein Technische hinausgeht. – Stellen Sie sich eine Blumenwiese vor, die aufrecht vor Ihnen steht. So sieht der 26 Meter hohe Würfel aus, der mit perforierten und anodisierten Edelstahlblechen verkleidet ist. Abhängig von der Außentemperatur changieren sie zwischen grün, gelb, orange und rot.

Wie der Erstling ist auch die das neue „Best-Of“ vom Amberger Büro Wilhelm herausgegeben. Band IV liegt gut in der Hand, hat in jeder Hinsicht Gewicht und eine ansprechende Grafik mit viel Weißraum. Öffentliche Bauten wie Bildungs- und Kultureinrichtungen, Büro- und Verwaltungsgebäude sind weit stärker vertreten als das Wohnen. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass eingetreten ist, was Architekturjornalist Enrico Santifaller im Band I, erschienen 2000, kritisierte: „Es mangelt bisher am Vertrauen der Behörden, es hapert am Interesse der Öffentlichkeit, es fehlt bis heute die Initiative von Seiten der Bauherren und der Politik. Dem Gestaltungsbeirat in Regensburg fehlen bislang Nachfolger in anderen Oberpfälzer Städten“.

Und heute? Das öffentliche Bewußtsein für qualitätvolle Architektur ist gewachsen. Mit dem Konzerthaus Blaibach, ein (Ent)Wurf des Architekten Peter Haimerl ist ein Meteorit aus Sichtbeton in der Ortsmitte gelandet. Sein Fliegendens Schlachthaus auf Stelzen als multifunktionaler Treffpunkt für die Bewohner der Gemeinde Brand ist mehr als nur ein Haus. Es ist ein Instrument zur Revitalisierung eines Ortes.

Vereinszeichen der Oberpfälzer Architekten: Der spitze Hut

Der Markt Lapperdorf bei Regensburg hat Manfred Blasch mit der Planung für sein Kulturzentrum beauftragt. Das Ergebnis ist das Kulturzentrum Aurelium, ein Bau mit goldgelb schimmernder Außenhaut und überregionaler Ausstrahlung. Ein weiteres starkes Beispiel aus dem Kulturbetrieb – dieses Mal allerdings eine private Initiative – ist das Kunstpartner Schaulager. Die Planschmid-Architekten Birgit Rieger und Willi Schmid verwandelten das Dachgeschoss eines historischen Stadels in einen Schauraum für die Nachlässe regionaler Künstlerinnen und Künstler. Die halbtransparente Lattung und die dahinterliegende blaue Fassade wirken wie ein Dialog zwischen Diesseits und Jenseits – ein außergewöhnlich gelungener Ort.

In seinem Vorwort zu Band IV hat Till Briegleb den Spitzhut als Vereinszeichen der Oberpfälzer Architekten ausgemacht. Der großzügige Bautyp des Stadels werde hauptächlich im kulturellen Kontext gebraucht, als Identifikationszeichen, „wenn eine schlüssige Idee mit Ortswert formliert werden soll.“ Beispiele sind das Arelium in Lappersdorf, die Kulturhalle in Berching (Kühnlein Architektur) und das Schaulager in Adlmannstein. Kühnlein Architekten benutzt das Stadeldach auch im Wohnbau. Es ist eine Referenz an „die lokale Verbundenheit der oberpfälzer Architekten, ihrem Ehrgeiz (…)Tradition und Heimat in moderne Qualitäten zu verwandeln“, schreibt Briegleb.

Bauen ist Dialog mit der Umgebung, mit Menschen, Natur und dem kulturellen Erbe. „Aktuelle Architektur der Oberpfalz – Band IV“ bietet einen phantastischen Spaziergang für die Augen, darunter preisgekrönte Arbeiten wie etwa ein Wohnhaus aus Holz in Neumarkt in der Oberpfalz von Kühnlein-Architekten aus Neumarkt (Bundeswettbewerb Holzbau plus) auf dem Umschlag . „Erst war nix – jetzt is a bissl was.“ – So nüchtern, sachlich und oberpfälzisch, erklärte Herausgeber Wilhelm Koch vor mehr als 20 Jahren seine Motivation zum Band I. Jetzt ist viel mehr.

Warum? Seit den 90er Jahren traten Architektinnen und Architekten in einen öffentlichen Dialog über Baukultur und Gesellschaft. Wenige Jahre vorher hatten sie Vereine für Baukultur gegründet, in Regensburg den „Architekturkreis“, in Weiden, Sulzbach-Rosenberg und Amberg die „Gruppe Architopf“. Der Band I von „Aktuelle Architektur in der Oberpfalz widmete diesen Initiativen doppelseitige Portraits. Welche Früchte dieses Engagement trägt, zeigt Band IV.

Aktuelle Architektur der Oberpfalz Band IV – Beispiele aktueller Baukultur
Format: 21,0 x 28,0 cm
Umfang: 184 Seiten
Ausstattung: Otabind-Broschur, Fadenbindung
Erscheinung: 2021
ISBN: 978-3-948137-27-4
Preis: 19,80 Euro

#WeRemember #donumenta #NikitaKadan #Regensburg – The Inhabitants of Collosseum

Soziale Skulptur und Performance der Erinnerung des ukrainischen Künstlers Nikita Kadan für Regensburg.

Im Gasthaus „Colosseum“ in Stadtamhof befand sich am Ende des 2. Weltkrieges ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Unter Bewachung wurden von dort aus täglich 400 Häftlinge zur Arbeit an den Gleisanlagen geführt, um Schäden von Fliegerangriffen zu reparieren. Die Männer aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn oder Frankreich wurden im Tanzsaal des Gasthauses untergebracht. In den fünf Wochen des Bestehens dieses Lagers starben über zehn Prozent. Täglich trieb Wachpersonal, darunter Wärter aus der Ukraine, die Inhaftierten über die Steinerne Brücke durch die Altstadt zu ihren Arbeitsstätten. Nikita Kadan verwandelte dieses Ereignis in eine soziale Skulptur. Am 27. Juli 2018 folgten 400 Menschen dem Weg der Gefangenen von damals in groben Holzpantinen schweigend über die Steinerne Brücke. Man hört nur das Klappern der Schuhe. Kadan über sein Werk: „In Holzschuhen, wie sie die Inhaftierten trugen, werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser interaktiven Performance selbst zu einem Teil ihrer Geschichte.

Nikita Kadan war Artist in Residence der donumenta 2018 und Künstler der Biennale in Venedig 2015. 

Zum Video

Eine Seifenblase aus Eiskristallen – bitte nachmachen

Zu nachhaltiger Freude am kürzesten Tag des Jahres 2020 inspiriert mich dieses kleine Video, das mich vor wenigen Tagen erreichte. Es dauerte bis ich nach diversen Youtube-Suchläufen die Autorin fand. Rosemary Danielis postete nicht nur dieses poetisch überraschende Video, sondern das Rezept gleich dazu. Die Seifenblase, die sich bei Minusgraden so herrlich schneekristallig verwandelt, besteht aus Maissirup, Spülmittel und Wasser.

Nachahmer herzlich wilkommen,

  • weil diese Seifenblase aus Eiskristallen so unglaublich schön ist
  • weil die Natur eine große Künstlerin ist
  • weil das Plagiat der Ursprung jeglicher Kreativität ist – frei nach Pete Seeger, der überzeugt davon war: „Plagiarism is basic to all culture.“

Frohe Weihnachten!

Auf Youtube zeigt Rosemary Danielis nicht nur dieses zauberhafte Video, sondern erklärt auch wie es geht.

„Der Junge am Strand“ – Regensburgerinnen und Regensburger lesen

19 Regensburgerinnen und Regensburger mit und ohne Migrationshintergrund lesen am 10. Dezember 2020, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, aus Tima Kurdis Buch „Der Junge am Strand – Geschichte einer Familie auf der Flucht“. Als Video-Botschaften erscheinen zwischen dem Tag der Menschenrechte und dem neuen Jahr Teile der 10-Stunden-Lesung auf Facebook.

Hoffnung auf eine sichere Zukunft

Es war die Idee der Künstlerin, Feministin und Menschenrechtlerin Regina Hellwig-Schmid, die ergreifende Geschichte der Familie Kurdi auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg mit möglichst vielen Menschen zu teilen. Viele erinnern sich an das Foto des kleinen Jungen, der tot am Strand an der türkischen Küste lag. Sein Name war Alan Kurdi. Sein Schicksal und das seiner Familie stehen für die vielen Menschen, deren Fluchtversuche tödlich endeten. Zu viert war die Familie in der Hoffnung auf eine sichere Zukunft nach Europa aufgebrochen, einer überlebte. Vater Abdullah Kurdi verlor seine Frau Rehanna und seine Söhne Ghalib und Alan.

Tima Kurdi hat in ihrem Buch die Geschichte ihrer Familie zusammengefasst. Sie wurde in Damaskus geboren und wanderte 1992 nach Kanada aus. Sie hielt engen Kontakt mit den in Syrien zurückgebliebenen Familienmitgliedern und engagierte sich für ihre Flucht und ein besseres Leben.

Menschen mit und ohne Migrationshintergrund lesen

Vom iranischen Schüler bis zur Oberbürgermeisterin lesen 18 Regensburgerinnen und Regensburger mit und ohne Migrationshintergrund Tima Kurdis Text. Die Lesung findet zwischen im Atelier am Wiedfang 5 statt und wird per Video aufgezeichnet. Zwischen dem Tag der Menschenrechte (10. Dezember) und Weihnachten veröffentlicht der Kunst-Knoten e.V. täglich einen anderen kürzeren Ausschnitt aus der Lesung auf Facebook. 

Nach einer Video-Botschaft von Tima Kurdi lesen: Regina Hellwig-Schmid, Stella Fink, Traudl Lacher-Jödicke, Angelina Kreupl, Ngo Thi Vananh, Mai Hamza, Daniel Gaittet, Gertrud Maltz-Schwarzfischer, Hans Siomon-Pelanda, Monika Reinecker, Patrizia Schmid-Fellerer, Julia Weigl-Wagner Michael Buschheuer, Michael Bothner, Viktoria Schatara, Matin Ramezani, Ralph Götting, David Löw, Kertin Radler (Lesereihenfolge)

Mein Beitrag zur Lesung anlässlich des Tags der Menschenrechte 2020.

(Kommunikationsstrategie Julia Weigl-Wagner)

Ist es Pflanze? Ist es Tier? – Interview mit der Künstlerin Barbara Sophie Höcherl über Budapest

Die Regensburger Künstlerin Barbara Sophie Höcherl ist gelernte Staudengärtnerin, studierte an der Westböhmischen Universität in Pilsen Illustration und Grafik und arbeitet als Förderkünstlerin in einem Atelier im Regensburger Künstlerhaus Andreas-Stadel. Mit Unterstützung des donumenta e.V. reiste sie im August 2020 als Artist in Residence nach Budapest. Im interview schildert sie wie sie die Stadt erlebt hat und welchen Akzent die ungarische Metropole auf ihre Arbeit setzte.

Barbara, Du hast zu Beginn des Jahres gesagt, es wird heiß sein im August, und ich freue mich auf die Bäder, in denen die Männer im Wasser sitzen und Schach spielen Wie war Deine Zeit in Budapest?

Es war komplett anders als ich es mir zu Beginn des Jahres vorgestellt habe. Die Ankunft in Budapest war wie erwartet sehr heiß, 37 bis 39 Grad. Die Bäder konnte ich wegen Corona nicht besuchen. Was ich ganz neu wiederentdeckt habe, war die Donau. Ich bin gleich am ersten Tag dort hin und habe ganz viel Herzlichkeit zu ihr entwickelt. Sie ist so mächtig in Budapest, so weit und so groß. Es war dieses Gefühl, beheimatet zu sein in dieser Stadt durch die Donau.

Aus Regensburg kennst Du eine ganz andere Donau. In Deiner Arbeit geht es ja oft um Gegensätze, groß – klein, weit – eng, weich – solide, fragil – stabil, zerbrechlich – belastbar. Was hat Dein Künstlerinnenherz in Budapest befeuert?

Ich war viel unterwegs, bin oft schon um fünf Uhr früh aufgestanden, bin raus und war dann für ein paar Stunden unterwegs, um zu zeichnen. Danach in der Wohnung habe ich versucht, meine Eindrücke in Arbeiten umzusetzen. Das war im Großen und Ganzen mein üblicher Tagesablauf. Ich habe für meine künstlerische Arbeit auch neue Materialien entdeckt wie z.B. Mehl, Zucker, Salz, Sand, Erde oder Seife und habe einige der daraus entstandenen Arbeiten aus Budapest auch mitnehmen können. Was mich an diesem für mich neuem Herstellungsprozess besonders interessiert hat, ist die Tatsache, dass man die aus eigenständig hergestelltem Material entstandenen Objekte nicht mehr klar zuordnen kann. Ist es jetzt von Menschenhand gemacht? Ist es eine Pflanze, ein Tier? Was steckt hinter dem Produkt, das man vor sich hat? Man ist ständig ein bisschen verwirrt und wird visuell herausgefordert. Die Einordnung bzw. Verortung und Interpretation des visuellen Eindrucks muss der Betrachter selbst vornehmen.

Budapest ist in meinen Augen eine sehr kontrastreiche Stadt. Groß-laut-schön und alles bisschen „überdimensioniert“. Es ist super heiß. Es riecht nach Chlor. Budapest ist eine sehr touristische Stadt, was man beispielsweise daran erkennt, dass alles perfekt sauber ist und mit dem Dampfstrahler gereinigt wird. Man sieht sehr viele städtische Gärtner, alles ist ganz penibel angelegt und akkurat, fast ein wenig künstlich. Man muss schon ein wenig suchen um Natürlichkeit zu finden.

Was für Arbeiten sind dann noch entstanden?

Hauptsächlich Objekte, die ich dann z.B. in gefundenen Dingen oder Pflanzen präsentiert, im öffentlichen Raum installiert und anschließend fotografiert habe. Sozusagen als eigene kleine Ausstellung in einem neuen Format. Ich habe meine Arbeiten zum Beispiel auch mit Salzteig oder anderen Substanzen angereichert und direkt vor Ort gebaut, fotografiert und dann wieder abgebaut. Es waren Momentaufnahmen, kleine Installationen, draußen in den Parks.

Hast du Kontakt gefunden zu Künstlerinnen und Künstlern dort?

Es war August und einige Galerien hatten Sommerpause, einige Museen hatten aufgrund von Covid-19 ebenfalls geschlossen. Darum habe ich mich dann eher auf meine eigene Arbeit konzentriert.

Was einen Artist in Residence-Aufenthalt ausmacht ist ja, dass man dort einfach alleine ist und im Endeffekt auf sich selbst angewiesen. Ich habe versucht das positiv zu sehen, meine eigene Stärke und einen Rhythmus zu finden, und versucht mich immer wieder von Neuem zu motivieren.

Ich frage mich sowieso oft: Sind meine Arbeiten gut? Wird das was? Was mach ich da eigentlich? Panik, Panik, aber dann setze ich mich hin und arbeite und finde meinen Weg.

Wo zieht es Dich als nächstes hin?

Gerade bin ich wieder so am Ankommen. Ich koordiniere gerade einen Kulturrundgang in meinem Heimatort Falkenstein. Da bespiele ich mit Künstlern aus Regensburg und Umgebung Leerstände in alten Gebäuden, die abgerissen werden. Die Räumlichkeiten sind für Besucher unzugänglich und die Kunst nur durch Schaufenster sichtbar. Die Idee Kunst hinter Glas zu präsentieren ist im Lockdown entstanden. Es geht dabei um Arbeiten, die dem Alten huldigen und den teilweise sehr heruntergekommenen Leerständen sozusagen noch einmal die letzte Ehre erweisen. Ein schöner Kontrast zur zeitgenössischen Kunst. Das Projekt startet am 27. September, danach geht es gleich weiter mit Ausstellungen in Regensburg und Landshut.

Danke für dieses Gespräch, Barbara.

Das Gespräch führte Julia Weigl-Wagner für den donumenta e.V. am 09. September 2020.

Geister oder: Ein Malerhimmel für Peter Engel

Seit Monaten arbeitet der Regensburger Illustrator und Bühnenbildner Peter Engel am Österreicher Weg in Regensburg. Entrückt zwischen 60er-Jahre-Pragmatismus und der wildromantischen Szenerie der Winzerer Höhen liegt dieser Ort zwischen Himmel und Erde. Am Sonntag, den 11. Oktober 2020 zwischen 13 und 18 Uhr öffnet Engel dort das Artelier gewordene Haus. – Dieser Bericht handelt von einem Besuch im Juni 2020.

Peter Engel öffnet die Tür. Es klingt wie eine Begrüßung, eine Eröffnung, ein erster Satz: „Erst hier habe ich mit dem Malen begonnen“, sagt er. Ich selbst begegnete diesem Haus einst bei Festen, Kaffeerunden und einem Besuch nach dem Tod seiner letzten Bewohnerin vor ein paar Jahren. Unter diesem Dach versammelten sich mit den hier lebenden Menschen umständliche, schöne und nützliche Dinge, Triviales, Literatur, Musik, Möbel, Vorhänge aus honigfarbener Seide oder mit pastelligem Wildblumendruck. Drei Kinder aus diesem Haus wurden Buchhändler, eines leitet heute ein Museum. Engels Bilder passen hier her wie die Glyzinie an der Fassade, die den Blick aus einem Fenster im ersten Stock zum Kunstwerk rahmt.

Seit Frühjahr 2020 arbeitete Peter Engl in einem 60er-Jahre-Haus am Österreicher Weg hoch über den Dächern Regensburgs. (Foto Julia Weigl-Wagner)

Der Geist seiner Bewohner weht noch die Treppen hinauf und hinunter. Jetzt mischen Peter Engels Gemälde diese Atmosphäre auf. Zwischen Luft und Liebe hängen sie ihrer eigenen Vorstellungskraft nach. Die Betonung liegt auf Kraft, denn wer sie einmal gesehen hat, erinnert sich wieder und wieder an sie. – Im Flur lässt zwischen zwei Türstöcken eine riesenhafte vielfingerige Figur die Muskeln spielen, um bösen Geistern das Handwerk zu legen. Im Schatten des gemalten Ungetüms erinnern aus der Wand ragende und mit Papierstreifen umwickelte Drähte an ein Mäusegerippe. Mit Farbe und Pinsel bemalt Engel Leinwand für Leinwand mit Leben.

Petersburgisch gehängt zwischen Türstöcken, Lichtschaltern, Fensterrahmen, Lampenschirmen, Fliesen und Erinnerung ergänzt seine Malerei das ausgeräumte Haus wie ein object trouvé zu einer großen Installation. Wer das Haus betritt, wird Teil davon, fügt sich ein in den Nachhall von Plappern, Winseln, Alltag und Glück. „Noch als ich davor stand, war ein Geräusch wie Harren oder Achten …“, steht auf der schwungvoll mit roter Farbe grundierten Leinwand neben der Haustür. Dahinter zeigt die nackte Wand neben den Glasbausteinen im Treppenhaus Reste von Kleister, Tapete und Zeit.

Im Wohnzimmer behauptet die sechsbeinige schwarze Qualle neben einem altrosa gepolsterten Sessel mit geflochtenen Lehnen ein Wildschwein zu sein. Engels große Passion, mit Worten den Sinn derselben zu verdrehen und dem Absurden möglichst viel Platz zu geben, hat hier freies Spiel. Der Maler weiß um den großen Mangel in einer Welt der Kopffüßler, die vor lauter Hypothese und Theorie keinen Witz mehr verstehen. So ist es ein Wunder, dass sich das Fantastisch-Groteske hier am Stadtrand so unanständig entfalten kann. Nicht mehr lange, heißt es, dann wird das Absurde domestiziert dem Samstagabend-Kunstpublikum präsentiert in einer Galerie an einheitlich gestrichenen Wänden. Peter Engel wird dann schreiben: „Jetzt verlassen die Bilder Österreichs Höhen und wandern nach Südtirol, genauer zum Brixener Hof …“

Neben dem qualligen Wildschwein zeigt sich die Bäckerei Rembrandt schwarz wie das Innere eines Holzbackofens. Nur am Fischgrät-Parkett scheint das züngelnde Feuer kaum geleckt zu haben. Von der schwarzen Ölfarbe verlaufen sich nur ein paar Tränen in den Parkettboden hinein. Ziegen, ein roter Mond und eine schwarze Kaulquappe auf rotem Grund stehen in der guten Stube für Schwarzbrot, Semmeln und Brezen Schlange vor der verschlossenen Tür: „Bäckerei Rembrandt: Closed“. Wartend genießen sie den Blick aufeinander und hinaus in die grüne Hölle vor der Terrassentür.

Im Esszimmer, wo einst das Klavier stand, macht ein weißer Leinwand-Elefant Yoga. Eine Leuchte mit Stoff bezogenem Schirm erhellt den imaginären Esstisch, dahinter sein Gegenentwurf – ein wackeliger Turm aus Tischen. Kann sein, dass man mit dem Essen nicht spielt, mit Tischen schon, mit Asphaltgrau, Rosa und dem welligen Dazwischen auch.

Wie herrlich angeregt sich der Lampenschirm aus Holzplättchen und der kugelrunde Pflaumenbaum über seine riesigen Früchte unterhalten. Nur manchmal quatschen Hose und Tor vor rotem Grund dazwischen. Was anziehen? Wohin ausgehen? Im Badezimmer daneben steigt das große „Spieglein-Spieglein-an-der-Wand“. Beim Verkleiden spielen Krebs und Fisch aus Ton geformt mit der verwischt gemalten Langzeitbelichtung eines Verfassungsrichters „Wer-ist-der-Schönste-im-ganzen-Land?“ – Leonardos Mona Lisa steht derweil angekleidet unter der Dusche.

Sauber, in Schale geworfen und mit Hut geht Herr Meier hinaus, grüßt ein Krokodil und geht hinaus in die vor Scham errötete „Welt mit Essigbaum“. Was könnte man hier noch tun? Im Dickicht der Städte rät Peter Engel: „Du findest den Automaten leicht. Er hängt am ersten Haus rechts. Man kann das sofort benutzen. Auch wenn Umstehende anderes behaupten.“

Kunst schaut hin – Interview mit Christian Schnurer

Der Münchner Künstler Christian Schnurer (geb. 1971 in Schwandorf) ist bekannt für seine Arbeiten im öffentlichen Raum. Seine Installationen und Interventionen sind gesellschaftpolitisch motiviert. Um Krieg, Flucht, menschenverachtende oder die Freiheit missachtende Politik zu kommentieren. Diese Interview führte ich anlässlich seiner Video-Installation und Skulpturen aus Hunderten von Rettungswesten im donumenta ART LAB Gleis 1 am Hauptbahnhof in Regensburg und im Bahnhofsumfeld. „Salva Vida – HOTSPOT“ läuft vom 18. September bis zum 18. Oktober, mittwochs bis sonntags 14 bis 19 Uhr.

Welches Ereignis war für Sie als Künstler ausschlaggebend, sich mit dem Thema Migration und Seenotrettung zu beschäftigen?

2004 gab es eine Seenotrettung, die mich sehr beschäftigt hat. Das war als die Cap Anamur II 37 Geflüchtete rettete und der Kapitän in die Fänge der italienischen Staatsanwaltschaft geriet, weil er ohne Erlaubnis in einen sizilianischen Hafen einfuhr. Seitdem ist das Thema in meinem Fokus und ich habe grundsätzlich über die Außengrenzen Europas nachgedacht. 2010 war die erste große internationale Arbeit dazu entstanden. Mit dem Amphibienfahrzeug „Mathilda“ fuhr ich 2010 anlässlich der Kulturhauptstadt Istanbul von München an den Bosporus.

Es hat tatsächlich lange gedauert, eine künstlerische Antwort auf das Thema Grenzen Europas und Seenotrettung zu finden, weil es so schwierig ist, damit umzugehen, so unmöglich, so tragisch. Es ist nichts, was zu Ende geht, es ist immer bitter und man kann keinen Humor hineinlagen. Das ist bis heute schwierig.

Der Münchner Künstler Christian Schnurer: Die Schwimmweste ist zur Ikone für die Rettung von Geflüchteten geworden.
(Foto: Bodo Mertoglu)

Mit Ihrem Projekt „Salva Vida“ kooperieren Sie mit der Gemeinde Lesbos. Wie gestaltet sich diese Zusammenarbeit?

Die Kooperation besteht aus der Überlassung von 4.000 Schwimmwesten. Anfang 2016 wollten wir Schwimmwesten für Installationen im öffentlichen Raum, um die Willkommenskultur aufrecht zu erhalten in einer Situation, die schon am Kippen war.

Der Kontakt kam zustande, als wir Hilfsgüter nach Lesbos transportiert haben, hauptsächlich Kleidung. In dem Moment war die Situation relativ durchlässig, ein hoffnungsvoller Moment.

Auf Lesbos lagerten damals auf einer auf Müllhalde ungefähr eine Million Schwimmwesten, jede einmal gebraucht. Dieses Bild ging mir nicht aus dem Kopf. Ich wollte mit diesen Schwimmwesten arbeiten, fragte, ob ich 4.000 dieser Westen haben könnte und kam schließlich mit einem Empfehlungsschreiben der Stadt München.

Für die Gemeinde Lesbos war das auf der anderen Seite eine Möglichkeit, die Öffentlichkeit in Zentraleuropa auf diese Situation aufmerksam zu erhalten. So kam dieser Vertrag zustande. Warum er überhaupt geschlossen werden musste? – Die Schwimmweste war zum Archetypen, zur Ikone für die Rettung von Geflüchteten geworden. Schwimmwesten waren begehrt. Damals waren sehr viele dran um damit zu arbeiten; Künstler, Theater, Upcycling Projekte, Hilfsorganisationen, etc..

Was kann Kunst in diesem Zusammenhang bewegen?

Kunst hat schon immer versucht, ihre Stimme  gegen Krieg und Ungerechtigkeit zu erheben. Der Versuch die Welt zu retten ist meistens gescheitert. Als Künstler konnten wir keinen einzigen Krieg und kein Leid verhindern. Auf der anderen Seite ist die Kunst ein Weg, die Öffentlichkeit zu zwingen, die Augen dorthin zu richten. – Den Fernseher kann man ausschalten, aber einer Aktion im Öffentlichen Raum kann man sich niemand entziehen. Das  löst Emotionen aus, positive wie negative, gute Diskussionen oder tätliche Angriffe gegen die Kunst – auch das muss man aushalten.

Wie sehen Sie die Situation im Hotspot Camp Moria auf Lesbos heute im Vergleich zu damals vor fünf Jahren?

Wir haben das Thema nicht mehr so wie damals täglich in den Nachrichten. Auf der anderen Seite haben wir in Moria auf Lesbos heute einen Hotspot, der auf 3.000 Menschen ausgelegt ist und in dem 20.000 Flüchtlinge leben. Die Zustände sind schlimmer als etwa in Jordanien, in der Türkei oder der Ukraine. Unsere Politik hat 2015 als Deutschland und Österreich die Grenzen öffneten ein freundliches Gesicht gezeigt. Heute zeigen wir eine hässliche Fratze. – Deutschland das Traumziel und Europa die Hoffnung für viele.

Wir leben eine bigotte Leitkultur, weil wir uns auf humanistische Werte berufen, die wir gleichzeitig missachten. 

Die Installation „Salva Vida – HOTSPOT“ im Donumenta ART LAB Gleis 1 wird sich sehr stark medial zeigen: Fotomaterial. Rauminstallationen aus Schwimmwesten, Filmaufnahmen. Wird der Raum wirken?

Zum ersten Jahrestag der 1. Jahrestag der Grenzöffnung zu Ungarn war die Aktion „Sommergrüße vom Wolfgangsee“ ein Anschlag auf dieses deutsch-östereichische Wirtschaftswunderidyll mit der schwimmenden Insel aus 800 Schwimmwesten vor dem „Weissen Rössl“. Wir zeigen diese Aktion als Videoprojektion in einer morbiden Raumsituation unter den Bahngleisen jetzt zum 5. Jahrestag dieser historischen Entscheidung.

Wie hat sich die Wahrnehmung Ihres Projekts verändert?

Jetzt ist ein guter Moment, um das ganze Projekt etwas neutraler und mit Abstand zu sehen und die einzelne Stationen in ihrem Verlauf aufzublättern und neu zu bewerten.

Meine Installation „Platz der Leitkultur“ von 2017 wird neu inszeniert im Umfeld des Regensburger Bahnhofs. Andere Aktionen werden als Fotodokumente gezeigt oder in Dokumentationsvideos des Filmemachers Lorenz Kloska. Ich bin gespannt, ob die Empfindlichkeit des Publikums immer noch da ist, oder ob die Gewöhnung alle weiteren Reaktionen abgestumpft hat.

Danke für das Interview Christian Schnurer.

Foto: „Platz der Leitkultur“, Installation aus Rettungswesten. (Julia Weigl-Wagner).

Wörter im öffentlichen Raum – Interview mit Dušan Zahoranský

Dušan Zahoranský (geb. 1972) war 2019 vier Wochen lang Artist in Residence der donumenta. Er studierte in Bratislava und Nottingham, lebt und arbeitet in Prag, lehrt an der dortigen Kunstakademie und gehört zu den bedeutendsten Künstlern Tschechiens. Zahoranský ist ein Meister der Typografie im öffentlichen Raum. „Wörter in einer öffentlichen demokratischen Umgebung fördern die Diskussion“, sagt er. Ab 3. September werden die Eiserne Brücke in Regensburg in MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE und der Lände nördlich des Museums der Bayerischen Geschichte (Marc-Aurel-Ufer) in ALAN & GHALIB KURDI HAFEN umbenannt. Die symbolische Umbenennung erfolgt zeitlich befristet bis Anfang Dezember. Dušan Zahoranský nennt sein Werk SEARCH AND RESCUE.

Was war Dein erster Eindruck von Regensburg?

Die Eiserne Brücke in Regensburg wird MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE (Fotomontage Dušan Zahoranský)

Regensburg ist sowohl eine historisch sehr bedeutende als auch moderne und wachsende Stadt. Außer der Rolle Regensburgs für die Tschechische Chrisitianisierung im 9. Jahrhundert oder seine wirtschaftliche und politische Bedeutung im 12. Jahrhundert war ich von den neuen Wohnsiedlungen beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, dass der Stadtplanung in der Stadtverwaltung kein geringer Stellenwert beigemessen wird. Die Stadt gründet auf einem tiefen kulturellen und historischem Fundament. Neue Straßen und Gebäude, zum Beispiel östlich des Hauptbahnhofs, zeigen gute menschliche Proportionen. Es scheint mir eine gute Architektur für zukünftige Bewohner zu sein. Auf der anderen Seite war ich überrascht vom Fehlen öffentlicher Kunst in der Stadt. Außer historischen Denkmälern, die Regensburger Bischöfen gewidmet sind, gibt es wenige sensibel platzierte, ehrliche Kunstwerke (Westheim) und fast keinen „symbolischen“ Schwerpunkt.

Dušan Zahoranský lehrt an der Kunstakademie in Prag.

Aus meiner Perspektive ist nur Dani Karavans Bodenrelief der frühreren Synagoge gut durchdacht und präzise umgesetzt. Das Denkmal fungiert sowohl als aktuelles Symbol als auch als spontaner Treffpunkt.

Wie kamst Du auf die Verbindung Regensburgs mit der Seenotrettungsinitiative Michael Buschheuers?

Wir diskutierten mit Regina Hellwig Schmid and Hans Simon-Pelanda über unsere Pläne. Ich fand es interessant, einen Kontrapunkt zur starken Konzentration auf „historische“ Figuren und Themen zu setzen. Ich hatte das Gefühl, dass es in der Öffentlichkeit an Geschichten und Persönlichkeiten mangelt, die die heutige Lebenswelt und das heutige Denken prägen. Wir sprachen über Carola Rackete und eine ähnlich mutige Frau. Sie setzen ihr Leben und ihre Energie für die Menschlichkeit ein und retten Leben unter sehr problematischen Bedingungen.

Regina und Hans erzählten mir, dass Michael Buschheuer die Seenotrettungs-Initiative Sea-Eye gründete und dass Carola möglicherweise auch vor Jahren in Regensburg aktiv war. Später fand ich Informationen in lokalen Zeitungen und im Internet. Ich habe mich intensiver mit der Problematik beschäftigt und mehr über Einwanderung und den Zusammenhang mit den Konflikten in Afrika und im Nahen Osten herausgefunden. Die Staaten in Europa und andere Supermächte haben eigene Interessen in diesen Krisenregionen.

Die Initiative von Michael Buschheuer zeigt, dass er und seine Aktivisten sich dieser geopolitischen Widersprüche zwar bewusst sind, es aber am Ende am wichtigsten ist, jedes einzelne menschliche Leben zu schützen und zu respektieren.

Wie steht das Thema Seenotrettung im Zusammenhang mit der Geschichte der UNESCO Weltkulturerbestadt und dem Motto des donumenta Artist in Residence-Programms “Heritage Today/Tomorrow”?

Die Initiative der donumenta ist für mich ein Medium, interessante, mitunter problematische Themen an die Öffentlichkeit zu bringen. Was sie im öffentlichen Raum umsetzt, ist sehr lobenswert. Ich bin sicher, dass die Strategie, die der donumenta e.V. bereits in den vergangenen Jahren verfolgte, sowohl Bürgerinnen und Bürgern, Touristen als auch Künstlerinnen und Künstlern selbst Perspektiven bieten kann.

Es war interessant, sich in den historischen Kontext der Stadt hineinzufinden, vom Mittelalter über das Zeitalter des Protestantismus bis hin zum Zweiten Weltkrieg und das 20. Jahrhundert. Ich hoffe, dass meine öffentliche Kunstintervention – wenn auch zeitlich befristet – einen neuen Akzent in die Stadt bringt. Für einige Zeit wird meine Arbeit die Aufmerksamkeit auf ein Phänomen ziehen, das eng mit der Stadt verbunden ist und sich für das menschliche Wohlergehen engagiert.

Du hast einmal gesagt: „Wörter in einer öffentlichen, demokratischen Umgebung regen zur Diskussion an “. Wie funktioniert das im Zusammenhang mit der MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE und dem ALAN & GHALIB KURDI HAFEN?

Hier möchte ich Bernard Darras zitieren, mit seiner präzisen Definition von Demokratisierung:

Historisch, ideologisch und politisch hat sich das Konzept der Demokratie gegen alle anderen Formen von Autorität und Regierung entwickelt, bei denen Menschen einer bestimmenden Rolle beraubt werden. Beispiele hierfür sind Theokratien, Aristokratien und Diktaturen. Daher erfordert jeder als Demokratisierung bezeichnete Prozess, dass die gesamte Bevölkerung in die Bewältigung des Phänomens ‚Demokratisierung’ involviert, befragt und einbezogen wird.“  
(Bernard Darras:  Values of Arts and Cultural Education, in: van Heusden, Barend / Gielen, Pascal (Hg.): Arts Education Beyond Art / Teaching Art in Times of Change, Valiz 2015, Seite 60)

Ich hoffe, dass unsere vorübergehende Aneignung der Namen der Eiserne Brücke und des Marc-Aurel-Ufers die Aufmerksamkeit der Passanten auf noch ungelöste Probleme lenken wird, aber mit der Betonung auf die Entwicklung ihrer persönlichen Stärke. – Diese Haltung habe ich zufällig in der Michael-Buschheuer-Initiative in Regensburg in einer sehr konkreten Form gefunden. Ich respektiere sie sehr. Vielen Dank für Unterstützung und Vertrauen.

Das Interview mit Dušan Zahoranský führte ich für den donumenta e.V. ursprünglich auf englisch.

19.08.2020/JW2

Namen sollen Menschen bewegen – Interview mit Tima Kurdi

Ab 3. September 2020 wird es in Regensburg für drei Monate einen ALAN & GHALIB KURDI HAFEN und eine MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE geben. Die Namen stehen für menschliche Not und Hilfe. Sie sind Teil der Arbeit “SEARCH & RESCUE” des tschechischen Künstlers Dušan Zahoranský, Artist in Residence des donumenta e.V. 2019 – Tima Kurdi, die Tante von Alan und Ghalib Kurdi, wird anlässlich der Enthüllung am 3. September sprechen.  Alan Kurdi ist der tote Jungen am Strand, dessen Bild Anfang September 2015 um die Welt ging. Der Zweijährige wurde zur Ikone für das humanitäre Not von Flüchtlingen. Auch Alans Bruder Ghalib und Mutter Rehanna überlebten die Flucht zum Vater, der bereits in die Türkei geflohen war, nicht. Für Tima Kurdi, die heute in Kanada lebt, war das Schicksal ihrer eigenen Familie der Auslöser, sich für die Rechte von Flüchtlingen zu engagieren.

Tima Kurdi, Sie sind in Damaskus geboren und leben seit fast 30 Jahren in Kanada. Nachdem der Krieg in Syrien 2011 ausbrach, wollten Sie Ihre dort lebenden Familienmitglieder nach Kanada holen. Was haben Sie unternommen?

Als in Syrien der Krieg ausbrach, floh meine Familie wie Tausende andere in die Türkei. Die Familie meines Bruders Abdullah war aus Kobani geflohen, um zu ihm nach Istanbul zu gelangen. Es waren herzzerreißende Zustände. Und als ich sie 2014 besuchte, sah ich mit meinen eigenen Augen wie ihre Situation war, wie sie darum kämpften in diesem neuen Land zu leben, besonders die Kinder. Ich sah, dass meine Nichte und meine Neffen gezwungen wurden zu arbeiten, statt zur Schule zu gehen.

Seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien flehten meine Leute um Hilfe, doch niemand reagierte. Ich tat, was ich konnte, um meine Familie zu unterstützen, schickte Geld und versuchte sie nach Canada zu holen, aber Canadas Grenzen blieben geschlossen, unser System versagte.

Als Ihre beiden Neffen Alan und Ghalib auf der Flucht aus Syrien nach Europa starben, waren sie zwei und vier Jahre alt. Was veranlasste Sie trotz des Schmerzes, den Sie erfahren haben, sich jetzt erst recht und über die eigene Familie hinaus für die Rechte von Flüchtlingen zu engagieren?

Viele Monate lang hatte ich um ihre Einreise gekämpft und erledigte die Formalitäten, bis ich an jenem 2. September 2015 die tragische Nachricht hörte, dass meine Schwägerin Rehanna und meine beiden Neffen Alan und Ghalib Kurdi ertrunken waren. Ich werde diesen 2. September nie vergessen. Ich wachte auf, hörte diese Nachricht und sah das Bild meines Neffen Alan am Strand. Ich schrie so laut ich konnte. Ich wollte, dass die Welt mich hörte. Dann traf ich diese Entscheidung. Ich sagte mir: Wenn ich meine eigene Familie nicht retten kann, dann will ich andere retten.

Ihre Reden sind sehr persönliche Statements. Sie erreichen dadurch viele Menschen. Was erwarten Sie sich von der europäischen und deutschen Flüchtlingspolitik?

Ich hoffe, dass die europäischen Länder und Deutschland Flüchtlinge weiterhin willkommen heißen und ihnen ihre Grenze öffnen, denn sie fliehen, weil sie dazu gezwungen werden und ihnen keine andere Wahl bleibt. Ferner hoffe ich, dass die internationale Gemeinschaft zusammenkommt, um eine friedliche Lösung zu finden, Krieg und Armut überall zu beenden. Dann wird es keine Flüchtlinge mehr geben. Bis dahin müssen wir den leidenden Menschen helfen, ihr Leben – wie alle anderen – in Frieden leben zu können.

Der donumenta e.V., ein Kunstverein in Regensburg gedenkt des Schicksals Ihrer Familie mit der temporären Umbenennung eines Uferabschnitts an der Donau in ALAN & GHALIB Kurdi Hafen. Wie wirkt das auf Sie?

Worte können mein Gefühl nicht beschreiben. Es berührt mich sehr und ist gleichzeitig schmerzhaft. Ich möchte, dass die Namen Alan und Ghalib Kurdi eine dauerhafte Erinnerung in Herz und Verstand der Menschen sind und ich hoffe, dass sie niemals das Bild des Jungen am Strand vergessen. Ich hoffe, dass die Namen Menschen dazu bewegen können, aufzustehen und ihre Stimme zu erheben, um anderen in Not zu helfen.

Danke für das Interview, Tima Kurdi.

Das Interview führte Julia Weigl-Wagner am 24. August 2020 für den donumenta e.V. in englisch