Wörter im öffentlichen Raum – Interviev mit Dušan Zahoranský

Dušan Zahoranský (geb. 1972) war 2019 vier Wochen lang Artist in Residence der donumenta. Er studierte in Bratislava und Nottingham, lebt und arbeitet in Prag, lehrt an der dortigen Kunstakademie und gehört zu den bedeutendsten Künstlern Tschechiens. Zahoranský ist ein Meister der Typografie im öffentlichen Raum. „Wörter in einer öffentlichen demokratischen Umgebung fördern die Diskussion“, sagt er. Ab 3. September werden die Eiserne Brücke in Regensburg in MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE und der Lände nördlich des Museums der Bayerischen Geschichte (Marc-Aurel-Ufer) in ALAN & GHALIB KURDI HAFEN umbenannt. Die symbolische Umbenennung erfolgt zeitlich befristet bis Anfang Dezember. Dušan Zahoranský nennt sein Werk SEARCH AND RESCUE.

Was war Dein erster Eindruck von Regensburg?

Die Eiserne Brücke in Regensburg wird MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE (Fotomontage Dušan Zahoranský)

Regensburg ist sowohl eine historisch sehr bedeutende als auch moderne und wachsende Stadt. Außer der Rolle Regensburgs für die Tschechische Chrisitianisierung im 9. Jahrhundert oder seine wirtschaftliche und politische Bedeutung im 12. Jahrhundert war ich von den neuen Wohnsiedlungen beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, dass der Stadtplanung in der Stadtverwaltung kein geringer Stellenwert beigemessen wird. Die Stadt gründet auf einem tiefen kulturellen und historischem Fundament. Neue Straßen und Gebäude, zum Beispiel östlich des Hauptbahnhofs, zeigen gute menschliche Proportionen. Es scheint mir eine gute Architektur für zukünftige Bewohner zu sein. Auf der anderen Seite war ich überrascht vom Fehlen öffentlicher Kunst in der Stadt. Außer historischen Denkmälern, die Regensburger Bischöfen gewidmet sind, gibt es wenige sensibel platzierte, ehrliche Kunstwerke (Westheim) und fast keinen „symbolischen“ Schwerpunkt.

Dušan Zahoranský lehrt an der Kunstakademie in Prag.

Aus meiner Perspektive ist nur Dani Karavans Bodenrelief der frühreren Synagoge gut durchdacht und präzise umgesetzt. Das Denkmal fungiert sowohl als aktuelles Symbol als auch als spontaner Treffpunkt.

Wie kamst Du auf die Verbindung Regensburgs mit der Seenotrettungsinitiative Michael Buschheuers?

Wir diskutierten mit Regina Hellwig Schmid and Hans Simon-Pelanda über unsere Pläne. Ich fand es interessant, einen Kontrapunkt zur starken Konzentration auf „historische“ Figuren und Themen zu setzen. Ich hatte das Gefühl, dass es in der Öffentlichkeit an Geschichten und Persönlichkeiten mangelt, die die heutige Lebenswelt und das heutige Denken prägen. Wir sprachen über Carola Rackete und eine ähnlich mutige Frau. Sie setzen ihr Leben und ihre Energie für die Menschlichkeit ein und retten Leben unter sehr problematischen Bedingungen.

Regina und Hans erzählten mir, dass Michael Buschheuer die Seenotrettungs-Initiative Sea-Eye gründete und dass Carola möglicherweise auch vor Jahren in Regensburg aktiv war. Später fand ich Informationen in lokalen Zeitungen und im Internet. Ich habe mich intensiver mit der Problematik beschäftigt und mehr über Einwanderung und den Zusammenhang mit den Konflikten in Afrika und im Nahen Osten herausgefunden. Die Staaten in Europa und andere Supermächte haben eigene Interessen in diesen Krisenregionen.

Die Initiative von Michael Buschheuer zeigt, dass er und seine Aktivisten sich dieser geopolitischen Widersprüche zwar bewusst sind, es aber am Ende am wichtigsten ist, jedes einzelne menschliche Leben zu schützen und zu respektieren.

Wie steht das Thema Seenotrettung im Zusammenhang mit der Geschichte der UNESCO Weltkulturerbestadt und dem Motto des donumenta Artist in Residence-Programms “Heritage Today/Tomorrow”?

Die Initiative der donumenta ist für mich ein Medium, interessante, mitunter problematische Themen an die Öffentlichkeit zu bringen. Was sie im öffentlichen Raum umsetzt, ist sehr lobenswert. Ich bin sicher, dass die Strategie, die der donumenta e.V. bereits in den vergangenen Jahren verfolgte, sowohl Bürgerinnen und Bürgern, Touristen als auch Künstlerinnen und Künstlern selbst Perspektiven bieten kann.

Es war interessant, sich in den historischen Kontext der Stadt hineinzufinden, vom Mittelalter über das Zeitalter des Protestantismus bis hin zum Zweiten Weltkrieg und das 20. Jahrhundert. Ich hoffe, dass meine öffentliche Kunstintervention – wenn auch zeitlich befristet – einen neuen Akzent in die Stadt bringt. Für einige Zeit wird meine Arbeit die Aufmerksamkeit auf ein Phänomen ziehen, das eng mit der Stadt verbunden ist und sich für das menschliche Wohlergehen engagiert.

Du hast einmal gesagt: „Wörter in einer öffentlichen, demokratischen Umgebung regen zur Diskussion an “. Wie funktioniert das im Zusammenhang mit der MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE und dem ALAN & GHALIB KURDI HAFEN?

Hier möchte ich Bernard Darras zitieren, mit seiner präzisen Definition von Demokratisierung:

Historisch, ideologisch und politisch hat sich das Konzept der Demokratie gegen alle anderen Formen von Autorität und Regierung entwickelt, bei denen Menschen einer bestimmenden Rolle beraubt werden. Beispiele hierfür sind Theokratien, Aristokratien und Diktaturen. Daher erfordert jeder als Demokratisierung bezeichnete Prozess, dass die gesamte Bevölkerung in die Bewältigung des Phänomens ‚Demokratisierung’ involviert, befragt und einbezogen wird.“  
(Bernard Darras:  Values of Arts and Cultural Education, in: van Heusden, Barend / Gielen, Pascal (Hg.): Arts Education Beyond Art / Teaching Art in Times of Change, Valiz 2015, Seite 60)

Ich hoffe, dass unsere vorübergehende Aneignung der Namen der Eiserne Brücke und des Marc-Aurel-Ufers die Aufmerksamkeit der Passanten auf noch ungelöste Probleme lenken wird, aber mit der Betonung auf die Entwicklung ihrer persönlichen Stärke. – Diese Haltung habe ich zufällig in der Michael-Buschheuer-Initiative in Regensburg in einer sehr konkreten Form gefunden. Ich respektiere sie sehr. Vielen Dank für Unterstützung und Vertrauen.

Das Interview mit Dušan Zahoranský führte ich für den donumenta e.V. ursprünglich auf englisch.

19.08.2020/JW2

Namen sollen Menschen bewegen – Interview mit Tima Kurdi

Ab 3. September 2020 wird es in Regensburg für drei Monate einen ALAN & GHALIB KURDI HAFEN und eine MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE geben. Die Namen stehen für menschliche Not und Hilfe. Sie sind Teil der Arbeit “SEARCH & RESCUE” des tschechischen Künstlers Dušan Zahoranský, Artist in Residence des donumenta e.V. 2019 – Tima Kurdi, die Tante von Alan und Ghalib Kurdi, wird anlässlich der Enthüllung am 3. September sprechen.  Alan Kurdi ist der tote Jungen am Strand, dessen Bild Anfang September 2015 um die Welt ging. Der Zweijährige wurde zur Ikone für das humanitäre Not von Flüchtlingen. Auch Alans Bruder Ghalib und Mutter Rehanna überlebten die Flucht zum Vater, der bereits in die Türkei geflohen war, nicht. Für Tima Kurdi, die heute in Kanada lebt, war das Schicksal ihrer eigenen Familie der Auslöser, sich für die Rechte von Flüchtlingen zu engagieren.

Tima Kurdi, Sie sind in Damaskus geboren und leben seit fast 30 Jahren in Kanada. Nachdem der Krieg in Syrien 2011 ausbrach, wollten Sie Ihre dort lebenden Familienmitglieder nach Kanada holen. Was haben Sie unternommen?

Als in Syrien der Krieg ausbrach, floh meine Familie wie Tausende andere in die Türkei. Die Familie meines Bruders Abdullah war aus Kobani geflohen, um zu ihm nach Istanbul zu gelangen. Es waren herzzerreißende Zustände. Und als ich sie 2014 besuchte, sah ich mit meinen eigenen Augen wie ihre Situation war, wie sie darum kämpften in diesem neuen Land zu leben, besonders die Kinder. Ich sah, dass meine Nichte und meine Neffen gezwungen wurden zu arbeiten, statt zur Schule zu gehen.

Seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien flehten meine Leute um Hilfe, doch niemand reagierte. Ich tat, was ich konnte, um meine Familie zu unterstützen, schickte Geld und versuchte sie nach Canada zu holen, aber Canadas Grenzen blieben geschlossen, unser System versagte.

Als Ihre beiden Neffen Alan und Ghalib auf der Flucht aus Syrien nach Europa starben, waren sie zwei und vier Jahre alt. Was veranlasste Sie trotz des Schmerzes, den Sie erfahren haben, sich jetzt erst recht und über die eigene Familie hinaus für die Rechte von Flüchtlingen zu engagieren?

Viele Monate lang hatte ich um ihre Einreise gekämpft und erledigte die Formalitäten, bis ich an jenem 2. September 2015 die tragische Nachricht hörte, dass meine Schwägerin Rehanna und meine beiden Neffen Alan und Ghalib Kurdi ertrunken waren. Ich werde diesen 2. September nie vergessen. Ich wachte auf, hörte diese Nachricht und sah das Bild meines Neffen Alan am Strand. Ich schrie so laut ich konnte. Ich wollte, dass die Welt mich hörte. Dann traf ich diese Entscheidung. Ich sagte mir: Wenn ich meine eigene Familie nicht retten kann, dann will ich andere retten.

Ihre Reden sind sehr persönliche Statements. Sie erreichen dadurch viele Menschen. Was erwarten Sie sich von der europäischen und deutschen Flüchtlingspolitik?

Ich hoffe, dass die europäischen Länder und Deutschland Flüchtlinge weiterhin willkommen heißen und ihnen ihre Grenze öffnen, denn sie fliehen, weil sie dazu gezwungen werden und ihnen keine andere Wahl bleibt. Ferner hoffe ich, dass die internationale Gemeinschaft zusammenkommt, um eine friedliche Lösung zu finden, Krieg und Armut überall zu beenden. Dann wird es keine Flüchtlinge mehr geben. Bis dahin müssen wir den leidenden Menschen helfen, ihr Leben – wie alle anderen – in Frieden leben zu können.

Der donumenta e.V., ein Kunstverein in Regensburg gedenkt des Schicksals Ihrer Familie mit der temporären Umbenennung eines Uferabschnitts an der Donau in ALAN & GHALIB Kurdi Hafen. Wie wirkt das auf Sie?

Worte können mein Gefühl nicht beschreiben. Es berührt mich sehr und ist gleichzeitig schmerzhaft. Ich möchte, dass die Namen Alan und Ghalib Kurdi eine dauerhafte Erinnerung in Herz und Verstand der Menschen sind und ich hoffe, dass sie niemals das Bild des Jungen am Strand vergessen. Ich hoffe, dass die Namen Menschen dazu bewegen können, aufzustehen und ihre Stimme zu erheben, um anderen in Not zu helfen.

Danke für das Interview, Tima Kurdi.

Das Interview führte Julia Weigl-Wagner am 24. August 2020 für den donumenta e.V. in englisch

Wenn Zoom beim Entwerfen hilft – Interview mit Theresa Bösl vom Corona Design Lab

Was Studierende im Corona Design Lab entwickelt haben, ist vom 21. August bis zum 6. September 2020 im donumenta ART LAB Gleis 1 am Hauptbahnhof in Regensburg zu sehen. Im Interview erzählt mir Theresa Bösl wie es dazu kam und was sie am meisten fasziniert. Sie studiert im 4. Semester Architektur.

Theresa Bösl ist eine der Studierenden aus dem Seminar „Corona Art Lab“ der OTH Regensburg (Zeichnung: Theresa Bösl)

Theresa, Ihr habt das Corona Design Lab an der OTH relativ früh eingerichtet und das Thema als eines erkannt, das für Euch relevant ist. Was war da entscheidend?

Theresa Bösl: Wir haben uns per Zoom getroffen und das war schon mal eine Ausnahmesituation. Wir haben darüber diskutiert, wie es jedem geht gerade vor dem Hintergrund der Pandemie. Viele waren zuhause bei ihren Familien, schon allein deshalb, weil sie dort mehr Platz hatten als in der Studentenwohnung. Da kamen wir dann ganz schnell auf das Thema Raum. Wir erkannten es als ziemlich bedeutsam für uns, weil wir ja als angehende Architekten Räume entwerfen, ziemlich tief drin stecken in der ganzen Thematik und auch etwas machen können. Dann haben wir angefangen, Lösungen zu finden.  

Was ist Dein Lieblingsentwurf, wenn Du Dir jetzt Eure Lösungen vergegenwärtigst?

Theresa Bösl: Das Coronoskop. Interessant finde ich, wie es entstanden ist. Die Idee kam quasi bei einer Zoom-Diskussion. Man sieht von jedem dieses kleine Video. Da hatte eine Kommilitonin die Idee, Spiegel so zusammenzusetzen, dass man aus einem Blickwinkel immer mehrere Personen sieht. Die Idee mit den Spiegeln hängt eng mit der Anmutung der Zoom-Videos zusammen. Auch wie wir es umgesetzt haben, finde ich mega-spannend. Jetzt sieht das so lässig aus, aber wieviel Physik da drin steckt und wieviel Poesie …

Das Corona Art Lab war zwar ein Seminar, aber doch eine ganz besondere Erfahrung in Eurem Studium. Wird es Euch als Gruppe weitergeben?

Theresa Bösl: Wir haben verschiedene Ausstellungen geplant, weil wir unsere Gedankengänge auch weiterbringen wollen. Auch in den Sozialen Medien finden wir Zuspruch. Das schweißt uns tatsächlich zusammen und wir stehen immer wieder im Austausch miteinander. Wir haben eine kleine WhatsApp Gruppe und wenn wir irgendwas sehen, was irgendwo auf der Welt angeboten wird, diskutieren wieder drüber.

Gibt es an anderen Architektur-Hochschulen ähnliche Projekte?

Theresa Bösl: Das ist eine gute Frage. Als wir im April gestartet sind, sollten wir Lösungen finden, die es schon gibt. Außer zwei drei Lösungen haben wir nichts gefunden. Dann haben wir entworfen und unsere Designs auf Instagram präsentiert. Dann hieß es, dass das ziemlich gut ist. Natürlich haben wir auch Lösungen, die es schon gab – wie zum Beispiel den Tür-Haken – transformiert. Unsere Dozenten sagen immer: Auch in der Architektur gibt es nicht Neues. Es gibt schon alles. Wir müssen es nur verbessern oder neu zusammensetzen.

Danke Theresa, für diesen interessanten Einblick in Eure Arbeit.

Foro: Kommunikation auf Abstand – das Coronophone (Corona Design Lab, OTH Regensburg)

Material, Raum und Geschichte – Interview mit Luiza Margan

Warum sie sich für ein Bauwerk des Brutalismus interessiert, hat mir Luiza Margan, Künstlerin aus Kroatien, in einem Interview erklärt. Sie hat sich mit dem Wirsing-Turm am Regensburger Ernst-Reuter-Platz beschäftigt, der vor wenigen Monaten abgerissen wurde und den öffentlichen Raum zwischen Bahnhof und Altstadt definierte. – Die Ausstellung „Geliebtes Monster / Beloved Monster“ ist vom 10. Juli bis zum 16. August jeweils mittwochs bis sonntags von 14 bis 19 Uhr im donumenta ART LAB Gleis 1 am Regensburger Hauptbahnhof zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Wie kommt es, dass Du Dich mit dem Wirsing-Turm beschäftigst?

L.M.: Als ich zum ersten Mal in Regensburg war und mich mit dem donumenta ART LAB Gleis 1 vertraut machte, überraschte mich dieses Gebäude sehr – seine markante Gestalt und Gegenwart. Auch von der Höhe her unterschied es sich von den historischen Gebäuden im Zentrum der Stadt, obwohl man deutlich sehen konnte, dass es selbst eine kraftvolle Geschichte hat.

Hans Simon-Pelanda von der donumenta erzählte mir diese Geschichte und davon, wie der Plan, es abzureißen zahlreiche Bürger*innen mobilisierte, sich für den Erhalt dieses architektonisch herausragenden Bauwerks zu engagieren und es einer neuen Nutzung zuzuführen.

Woher kommt Dein Interesse für Architektur?

L.M.: In meiner Arbeit untersuche ich die Beziehung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum. Ich frage mich wie der öffentliche Raum und kulturelle Identitäten durch historische Narrative und ideologische Überhöhungen entstehen.

Architektur und Stadtplanung, Denkmäler und Straßennamen sowie Bürgerinitiativen für den Erhalt von öffentlichen Räumen spielen hier eine bedeutende Rolle.

Als Gesellschaft entscheiden wir darüber, was stehen bleibt und was zerstört wird. Es stellt sich die Frage, welche Werte damit verbunden sind. Die Entscheidung, diesen Turm abzureißen, begleiten Konflikte. Für mich ist diese Spannung interessant: Stehen lassen oder abreißen? Diese Spannung gestaltet den öffentlichen Raum und um diese Spannung geht es in meiner Arbeit. Ich persönlich bevorzuge eher eine „grünere“ Haltung und den Erhalt wertvoller Architektur der Vergangenheit in neuer zeitgemäßer Nutzung. Dadurch entsteht eine reiche und lebendige Stadtlandschaft.

Hat das etwas mit Deiner Biografie zu tun?

L.M.: Ich wuchs auf im Prozess der Auflösung Jugoslawiens und der sich im Anschluss formierenden nationalen Identitäten. Diese Verwandlung ist ein stetiger Prozess, der im öffentlichen Raum gut beobachtet werden kann. Sogar Beispiele weltweit anerkannter Architektur und Monumente der jugoslawischen Epoche werden nicht wahrgenommen oder zerstört, Denkmäler des antifaschistischen Kampfes und Straßennamen ausradiert. Der Kapitalismus eignet sich den öffentlichen Raum an und viele Bürger- und Kulturinitiativen stellen sich dagegen.

Du setzt „Geliebtes Monster“ mit Metall- und Beton-Teilen um? Wie arbeitest Du mit diesen schwer zu bewegenden Materialien?

L.M.: Es ist mir wichtig, dass ich diese Materialien selbst bewegen kann. Alle Betonteile in der Ausstellung sind zwar schwer, aber ich kann sie noch selbst bewegen. Bei den größeren Bauteilen arbeite ich mit Helfern. Meine Idee ist es, die Materialien auf eine Art zu arrangieren, die ihre Geschichte zeigt und gleichzeitig eine neue Räumlichkeit entstehen lässt.


Danke für das Gespräch, Luiza.

Foto: donumenta / Regina Hellwig-Schmid.

Schaufenster und Gewinnspiel für „Danube Women Stories Vol. 2“

Geschäftsfrau Margarete Runtinger, Wohltäterin Julie von Zerzog, Lehrerin Elly Maldaque, Fabrikantin Luise Händlmaier, Künstlerin Regina Hellwig-Schmid, Schriftstellerin Barbara Krohn, Stadtführerin Michaela Ederer, Pfarrerin Cordula Winzer-Chamrád: Diese acht Regensburgerinnen aus Geschichte und Gegenwart sind Teil der „Danube Women Stories – Vol. 2“. Im Schaufenster der Regensburger Buchhandlung Dombrowsky begleiten Publikationen der Künstlerin und Kuratorin Regina Hellwig-Schmid sowie der Schriftstellerin Barbara Krohn die Neuerscheinung „Danube Women Stories Vol. 2“. – Danke an den Buchhändler Ulrich Dombrowsky.

Hinter dem als Reiseführer aufgemachten Buch steckt die Idee, am Beispiel von insgesamt 64 Frauen aus sechs Ländern und acht Städten, das Verbindende der Menschen an der Donau zu entdecken. Wer den Geschichten dieser Frauen nachreist, macht mit Sicherheit interessante Entdeckungen.

Die Rundschau, eine Regensburger Wochenzeitung, veröffentlichte heute ein Gewinnspiel. Wer eine Regensburger Fabrikantin des 20. Jahrhunderts errät, kann eines von fünf „Danube Women Stories Vol. 2“ gewinnen. – Danke der Redaktion für die Zusammenarbeit.

Danube Women Stories ist Teil eines internationalen Projekts, gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung in ihrem Programm „Perspektive Donau: Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft“.

Sabine Geller/Christiana Weidel/Belinda Schmalekow (Hg.): Danube Women Stories Vol. 2 | 64 Frauen, 6 Länder, 8 Städte.
164 Seiten mit Illustrationen und Fotos, 12 B x 21 cm H, Softcover, Klebebindung.

ISBN 978-3-946046-22-6.

12,00 EUR gebundener Ladenpreis inkl. 7 % USt.
Erhältlich im Buchhandel.

donumenta: Diskussion über Monokultur und Massenproduktion

Für „Monokulturelles Stillleben (Kukuruz)“ malte die österreichische Künstlerin Catrin Bolt 596 Maiskolben auf die Fliesen in der ehemaligen Bahnhofsunterführung im Hauptbahnhof Regensburg. Für Besucherinnen und Besucher im donumenta ART LAB Gleis 1 war das der Anlass, über Mais nachzudenken, darüber wie aus hektarweise angebautem Mais Biogas entsteht, wie er statt auf dem Teller in der Biogasanlage landet, darüber, dass Mais eines der am häufigsten angebauten Getreidesorten ist, Maisstärke als Füllstoff in unendlich vielen Lebensmitteln vorkommt, daraus Einweg-Geschirr, Verpackungsmaterial und Farbe herstellt werden. – Was er nicht alles kann der Mais.

Um all die Gedanken über den Mais zu ordnen, fand zum Abschluss der Ausstellung ein Gespräch zwischen der Künstlerin Catrin Bolt, der Biobäuerin Monika Reinäcker und dem Grünenpolitiker Stefan Christoph statt. Die drei beschrieben völlig unterschiedliche Perspektiven auf den Themenkomplex Monokultur und Massenproduktion. Catrin Bolts bildnerischer Kommentar zu Monokultur und Massenproduktion versinnbildlicht in gewisser Weise die Hinwendung Reineckers zur ökologischen Landwirtschaft. Die studierte Kunsthistorikerin arbeitete in Werbeagenturen, gründete eine Familie, half den Eltern auf dem eigenen Hof in der Pfalz, erbte einen Hof in Mintraching bei Regensburg, wirtschaftete dort zunächst konventionell und kam schließlich zu der Erkenntnis: „Das Konventionelle degradiert das Leben.“ – Wo Reinecker aus persönlicher Überzeugung handelt, apelliert der Stefan Christoph an die Institutionen der Demokratie. Die Kommunen müssten mit ökologischem Bewusstsein vorausgehen. Sie könnten Vorbilder sein und mehr Umweltbewusstsein vorleben. – Ich habe diese Diskussion für die donumenta moderiert. Danke Experten und Publikum für die anregenden Beiträge.

Das Bild zu diesem Beitrag zeigt links neben Moderatorin Julia Weigl-Wagner die Künstlerin Catrin Bolt und rechts den Grünenpolitiker Stefan Christoph und die Biobäuerin Monika Reinecker. (Foto: Patrizia Schmid-Fellerer)

Fotowettbewerb: Grünes Band mit rot-weißen Streifen

Bis 1989 trennte der Eiserne Vorhang Deutschland und die Tschechoslowakei so voneinander, dass die Oberpfalz reimte „Dou wou / d’Welt goa woa“ (Da, wo die Welt zu Ende war). Heute hält ein grünes Band Bayern und Böhmen zusammen. Es ist das Mittelgebirge des Bayerischen und Böhmerwaldes. Vielleicht ist das der Grund, weshalb beim Fotowettbewerb „Natur- und Kulturerbe Grünes Band Bayern-Tschechien“ so viele Natur- und Landschaftsaufnahmen eingereicht wurden. Das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee hatte Profis und Amateure dazu aufgerufen, fotografisch herauszuarbeiten, was Bayern und Böhmen verbindet. Am Donnerstag war Ausstellungseröffnung.

Als beratende Fotokuratorin war ich an der Vorauswahl der insgesamt 169 eingereichten Arbeiten beteiligt. Vetreter aus Fotografie, Kulturbetrieb und Naturschutz trafen sich Ende Mai per Video-Konferenz, diskutierten Auswahlkriterien und vergaben schließlich Punkte für gelungenere und weniger gelungene Fotoarbeiten.

Zu meinen Favoriten gehört eine Fotografie von Christa Rabl-Dachs. Sie zeigt ein Werk von Ivan Kafka im Kunstpark Eschlkam an der deutsch-tschechischen Grenze. Es gibt von dieser Installation unendlich viele Fotografien, doch halte ich diese für besonders geglückt. Ivan Kafkas Werk ist beweglich. Je nach Luftzug blasen sich die Windsäcke auf oder hängen schlaff herunter. Wo kein Wind drin ist, ist keine Energie drin, da passiert auch nichts, so die Botschaft des tschechischen Künstlers. Schließlich macht ein voll aufgeblasener Windsack doch mehr her als einer, der sich um den Pfeiler wickelt oder in Falten daran haften bleibt.

Was sich im Werk des Künstlers bewegt, hält die Fotografin im Bruchteil einer Sekunde fest. In genau dem Moment, in dem sie den Auslöser ihrer Kamera bedient, sind die rot und weiß gestreiften Windsäcke in der oberen Reihe prall gefüllt, während sich die in der unteren Reihe nur mühevoll aufrichten. Wer genau hinschaut, sieht oder weiß, dass eine Mastenreihe einer geraden Linie folgt, während die andere als Schlangenlinie organisiert ist. Der Wind weht aus dem Westen in die Windsäcke hinein. Die schnurgerade Linie liegt im Westen, die kurvenreiche im Osten. Der Blick fällt nach Osten.

Wofür auch immer die Reihen oder einzelnen Masten mit Windsäcken stehen, für Menschen, Länder, Regionen, Engagement oder Positionen, was auch immer der tschechische Künstler und deutsche Fotografin mit ihren Werke aussagen wollen, sowohl die Installaton als auch die Fotografie sind eigene Werke. Schön.

Die Sommerausstellung des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) präsentiert vom 26. Juni bis 03. September 2020 die Ergebnisse des Fotowettbewerbs „Natur- und Kulturerbe Grünes Band Bayern-Tschechien.“

Waldwohnen für Generationen – Vision, Geschichte, Storytelling

Vor drei Jahren begann ich gemeinsam mit dem Regensburger Architekten Karl Hanke eine Wohnanlage auf dem Grundstück meiner Eltern in Burglengenfeld zu entwickeln, die Ende 2021 bezugsfertig sein wird. Wie soll die Zukunft am Hirtberg aussehen?“– Auf der Website www.waldwohnen.com skizzierte ich die Antwort als Erzählung von der Geschichte dieses Ortes und als Vision von seiner Zukunft.

Diese Vision bildete für den Architekten den Rahmen, in dem er entwarf, plante und mit Stadtbaumeister Franz Haneder über die Genehmigungsfähigkeit diskutierte. Weiterer limitierender Faktor waren die Kosten. Der zukünftige Wohnraum am Hirtberg sollte erschwinglich bleiben, trotz Hanglage und Bestand. – Es stellte sich heraus, dass dieser Spagat möglich ist. Auch in Kleinstädten wie Burglengenfeld, gut 20 Kilometer nördlich von Regensburg, steigt die Nachfrage nach Immobilien jenseits des freistehenden Einfamilienhauses mit Handtuch-Garten, auch wenn sich das lange niemand vorstellen konnte.

Meine Mutter Franziska Weigl, damals bereits Witwe, ermutigte mich dazu. Sie steht noch immer zu dieser Ermutigung, obwohl das Leben mit lärmenden LKWs, die täglich Baumatarial heranschaffen nichts mit dem zu tun hat, was vorher ihren Alltag bestimmte: 8.000 Quadratmeter für sich allein. Nach Machbarkeitsstudien entstand ein Konzept, das scheinbare Widersprüche vereint: naturnah am Waldrand und gleichzeitig urban, zwei Mehrfamilienhäuser für eine Nachbarschaft, der das Miteinander genauso wichtig ist wie der Rückzug in die eigenen vier Wänden.

„Waldwohnen für Generationen“ war schließlich als Konzept, Grundstück und Baugenehmigung so attraktiv, dass sich Bauträger bewarben und bereit waren, unsere Gestaltungswünsche architektonisch und ideell mitzutragen und weiterzuentwickeln. Wir verkauften die Hälfte des Grundstücks mit Baugenehmigung Ende 2019 an die neu gegründete Bauträgergesellschaft Waldwohnen für Generationen GmbH und erwarben im Gegenzug Wohnungen. Eine davon wird das neue Zuhause meiner Mutter.

Geschäftsführerin Eveline Radulovic teilt unsere Vorstellung vom Wohnen und wird selbst mit ihrem Mann Bransilav Radulovic und ihren beiden Kindern im Alter von acht und fünf Jahren einziehen. Urbanes und naturnahes Wohnen sind für die gebürtige Berlinerin kein Widerspruch, im Gegenteil.

Regen bringt Glück: Drei Generationen von Frauen, die das Projekt „Waldwohnen für Generationen“ initiierten und jetzt realisieren: Geschäftsführerin Eveline Radulovic von der Waldwohnen für Generationen GmbH, meine Mutter, die Vorbesitzerin Franziska Weigl und ich, Julia Weigl-Wagner mit Bürgermeister Thomas Gesche (v.l.). (Foto: Michael Hitzek, Stadt Burglengenfeld)

Für mehr Urbanität sprach sich auch Bürgermeister Thomas Gesche aus: „Um Flächenfraß am Stadtrand zu vermeiden, setzt die Stadt Burglengenfeld seit vielen Jahren auf Nachverdichtung im bestehenden Siedlungsbereich“, sagte Gesche bei seinem Besuch. Das Projekt „Waldwohnen für Generationen“ sei dafür beispielgebend.

Mais: Massenproduktion wird Kunstwerk

In der ehemaligen Fußgängerunterführung im Regensburger Hauptbahnhof hat Catrin Bolt 596 Fliesen mit bildschönen Maiskolben bemalt. Das ist die Gelegenheit, sich intensiv mit Mais zu beschäftigen. Das weltweit am häufigsten und meist in Monokultur angebaute Getreide kann viel über Ökologie und Ökonomie auf unserem Planeten erzählen. – Was wie die Vorstufe von Popcorn aussieht fndet sich als Maisstärke in fast allen industriell hergestellten Lebensmitteln wieder. Auch die abwaschbare und biologisch abbaubare Farbe, mit der Catrin Bolt im donumenta ART LAB Gleis 1 arbeitete, enthält Maisstärke.

Lesen Sie meinen Pressetext für die donumenta.

Maisgelb ist sie gefliest, die frühere Unterführung am Hauptbahnhof in Regensburg. Mit den fotogenen Kolben gestaltet die Künstlerin Catrin Bolt ein „Monokulturelles Stillleben (Kukuruz)“ im donumenta ART LAB Gleis 1. Sie verwandelt den Kunstraum in einen Produktionsraum für den Rohstoff Mais, eine der wichtigsten Ressourcen in unserer Gesellschaft.

Beim ersten Hinsehen wirkt der Tunnel unangetastet, doch das Stillleben nimmt den gesamten Raum in einer stetigen Wiederholung ein und macht ihn zum Bildträger. Der Tunnel wird zu einem Produktionsraum. Catrin Bolt erzeugt eine Art Rapport. Sie bemalt 750 Fliesen, jede mit einem Maiskolben. Die Motive erinnern an Küchenfliesen, Schmuckfliesen die Stillleben von Obst, Gemüse oder Kräutern zeigen. In der Masse allerdings hat die Getreidepflanze längst die Grenzen des Privaten und der Küche verlassen. Vielmehr verweist die Künstlerin mit dieser seriellen Arbeit auf landschaftsprägende Produktionsweisen. Bolt kommentiert: „Wie beim Bahnfahren die Monokulturen an einem vorbeiziehen, so kann man im ART LAB Gleis 1 an den Maiskolben entlanggehen. Sie ähneln und kopieren sich immer weiter, aber sind doch jeweils anders und eigens gemalt.”

Mais ist das am meisten angebaute Getreide weltweit, auch in Bayern. Mais und Maisstärke befinden sich in fast jedem Nahrungsmittel. Hauptsächlich wird das Getreide zu Tierfutter, aber auch Biotreibstoff und Kunststoffersatz verarbeitet.

Mais „ist so etwas wie die Grundlage unserer Konsumgesellschaft. Er wird im Kampf um Ressourcen und Billigpreise zum Politikum”, sagt Bolt. Ihr Werk regt an, über unsere Produktions- und Konsumweisen nachzudenken, über Effizienz und eine Flut an Waren, Bildern und Informationen.

Catrin Bolt studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. In ihren Projekten arbeitet sie meist im öffentlichen Raum, unter anderem im Stadtraum von Wien und Graz, im Arkadenhof der Universität Wien oder in Viehofen bei St. Pölten. Neben internationalen Stipendien und Preisen erhielt sie auch den renommierten Otto Mauer-Preis.

Regensburgerinnen in „Danube Women Stories VOL. 2“

Die Donau entlang reisen und dabei 64 Frauen in sechs Ländern und acht Städten kennenlernen, sich ein Beispiel an ihnen nehmen, sich an sie erinnern, an Sophie Scholl aus Ulm, Luise Händlmaier aus Regensburg, Inge Morath aus Wien, Mileva Maric Einstein aus Novi Sad oder Herta Müller aus Temeswar. – Das war die Idee von der die Herausgeberinnen des Zentrums für allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm den danube books Verlag überzeugten. Jetzt erschien Vol. 2. Mit dabei sind Regensburgerinnen aus Geschichte und Gegenwart. Ich führte Interviews mit der Künstlerin Regina Hellwig-Schmid, der Schriftstellerin Barbara Krohn, der Pfarrerin Cordula Winzer-Chamrád und der Gästeführerin Michaela Ederer. Außerdem verfasste ich die Portraits von Julie von Zerzog, der Gründerin einer Näh- und Strickschule für arme Mädchen im 19. Jahrhundert und weltberühmte Metzgersgattin und Senffabrikantin Luise Händlmaier. http://www.danube-books.eu, ISBN 978-3-946046-22-6, 12 EUR (D)