Die kinetischen Dystopien der Catharina Szonn – Interview

Catharina Szonn studierte in Offenbach, Reykjavik Wien Malerei. Ihr Credo: Die Grenzen zu philosophischen Themen, Text und Sprache sind fließend und „Material ist Farbe“. Wenn die Künstlerin nicht gerade an ihren kinetischen Dystopien arbeitet, beschäftigt sie sich mit Texten.

In ihrer Kunst setzt sich Catharina Szonn mit Wirtschaft, Technik und Gesellschaft auseinander. Sie fragt: „Was wäre, wenn die Welt bereits nicht mehr zu retten wäre?“ – Indem sie so tut als würde sie die Zukunft zeigen, entdecken die Betrachter*innen ihrer rotierenden Werke, dass die Zukunft längst Gegenwart geworden ist.

Die Regensburger Schau „High Noon“ ist nach zahlreichen Gruppenausstellungen die dritte Einzelausstellung der Frankfurter Künstlerin. Vom 26. Mai bis zum 27. Juni 2021 ist sie jeden Mittwoch von 14.00 Uhr bis 19.00 Uhr im donumenta ART LAB Gleis 1 am Hauptbahnhof Regensburg zu sehen.

Catharina Szonn ist Künstlerin aus Frankfurt am Main. In ihrer Regensburger Ausstellung "High Noon" im donumenta ART LAB Gleis 1 zeigt sie kinetische Dystopien.
Vom 21. Mai bis zum 27. Juni zeigt die Frankfurter Künstlerin Catharina Szonn ihre Ausstellung „High Noon“ im donumenta ART LAB Gleis 1 am Hauptbahnhof Regensburg. (Fotos: Catharina Szonn)

Herzlich willkommen, Catharina Szonn, zum Interview. Du betitelst die Installation im donumenta ART LAB Gleis 1 in der ehemaligen Fußgängerunterführung am Hauptbahnhof Regensburg mit „High Noon“. Was bedeutet dieser Titel im Hinblick auf Ihre Arbeit?

Dieser Titel bezieht sich nicht unbedingt auf das Duell im gleichnamigen Western, aber man hat natürlich sofort dieses „Zwölf Uhr mittags“ im Kopf. Für mich bedeutet diese Metapher: Es ist höchste Zeit, etwas zu tun. Ist es fünf vor zwölf oder bereits fünf nach zwölf?

„High Noon“ – höchste Zeit zu handeln: auch im Bezug darauf, dass schon die nächste und übernächste Generation die Welt nicht mehr so vorfinden wird wie wir. Wenn es nicht einen Turn gibt, bekommen wir aller Voraussicht nach noch ein größeres Problem. – Daher „High Noon“ als Methaper für die dystopische Interpretation, die ich in der Ausstellung zeige.  

Deine Installation zeigt, was übrig bleibt von Wirtschaftswunder und Leistungsgesellschaft. Mit einer knallbunten dystopischen Maschinerie fragst Du Dich, was wäre, wenn die Welt heute schon nicht mehr zu retten wäre. Wie wurde dieses Thema zu Deinem Thema?

Was wäre, wenn die Welt heute schon nicht mehr zu retten wäre?Das ist sicher ein griffiger Text, der am Anfang der Konzeption meiner Regensburger Ausstellung stand. – Was ist, wenn es schon zu spät ist? Was ist, wenn kein Turn mehr möglich ist?

Im Vorfeld meiner Ausstellung beim Kunstverein Konstanz vor ein paar Monaten ist mir klar geworden, dass ich mich mehr oder weniger auf die Zeit des neoliberalen Kapitalismus beziehe. Einige meiner Objekte stammen aus den 70er und 80er Jahren. Damals begann dieses: Wenn Du es in dieser Gesellschaft nicht schaffst, dann bist Du selber schuld. Das vergegenwärtigen auch diese Objekte für mich. Diese Mensch-Maschine-Thematik ist eine Metapher für den Menschen im gesellschaftlichen Gefüge. Die Maschine ist auch eine Art performende Person. Es stellt sich die Frage nach Leistung und Wachstum. – Was bleibt übrig? Was passiert mit den Maschinen, die nicht mehr gebraucht werden? Die Maschinen aus den 70er und 80er Jahren funktionieren noch sehr gut, aber repräsentieren heute auch das Analoge in der technologischen Entwicklung.

Außerdem habe ich mich für diese Ausstellung mit anderen Zukunftsthemen beschäftigt und auch das Thema Raumfahrt verfolgt, die Landung dieses Roboters auf dem Mars. Ab 2025 soll die erste Müllabfuhr im Weltall starten. Als Astronaut*in kann man sich schon jetzt bewerben und sich so an einer weiteren Erschließung des Weltraums beteiligen. Diese Expansionsgedanken stehen dann im Gegensatz dazu, dass das Weltall ja nicht als Exitstrategie herhalten soll, sonst stehen wir dort bald vor ähnlichen Problemen wie jetzt auf der Erde. – Was ich als Künstlerin mache, ist eine poetische Verhandlung darüber, wie die Zukunft, mit allen Herausforderungen die uns bereits in der Gegenwart umgeben, aussehen könnte.

Wenn wir beide miteinander reden treffen zwei Generationen aufeinander. Du bist 1987 geboren, ein paar Jahre nachdem die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag einzogen, ich mitten im Wirtschaftswunder. Wie lautet Deine Kritik an meiner Generation?

Mir fällt es schwer zu sagen, Du bist jetzt schuld. Es wurden Fehler gemacht und falsche Entscheidungen getroffen. Entscheidend ist für mich, dass man mit dem Wissen, das man jetzt hat, keine neuen Fehler macht. Mit aktuellen Daten, die über Jahre gesammelt wurden, kann man zum Teil bessere Prognosen stellen als vor 20 Jahren, Zukunft anders gestalten. Vielleicht muss man … ich meine, wie will man zum Beispiel aus dem Kapitalismus herauskommen? – Wenn ich eine Kritik äußern würde, würde ich fragen, wo sind wir im Hinblick auf den Klassismus heutzutage. Begriffe wie Arbeit oder Arbeitsgesellschaft sind im Wandel. Welche Personen sind mit working class gemeint? Welche Identifikation findet mit einem Begriff wie Arbeiter*innenklasse statt? Wer ist da gemeint und wer ist davon ausgeschlossen? Wie gelingt gesellschaftlicher Aufstieg und für wen?

Ich versuche meine künstlerische Arbeit auf eine poetische Art offen zu halten. Ich beobachte und kommentiere, was ich wahrnehme. Ich würde mich auch primär nicht als politische Künstlerin bezeichnen, wenngleich es nicht unpolitisch ist, was ich zeige: Wirtschaftsprozesse, Produktionsprozesse etc.

Einen Teil Deines kreativen Lebens widmest Du dem Schreiben und der Kunst-Kommunikation. Du bist Mitherausgeberin der Online-Magazine AFAIR und DER TYP. Worum geht es da?

Schreiben hat sich bei mir während des Studiums entwickelt. Mit Sarah Reva Mohr habe ich dann auch zusammen mehrere Online-Zine herausgebracht, bei denen wir Text und Bild immer wieder in einen Dialog gebracht haben. AFAIR ist als Weiterentwicklung von DER TYP zu verstehen. Schreiben ist aber eine Konstante in meiner Arbeit geblieben. In meinem Notizbuch notiere ich ziemlich viel. Zwar betreibe ich keine literarische Schreibpraxis, aber ich führe ein eigenes Gedankenbuch. Das ist für mich so eine Art Sammelsurium, aus dem ich Gedanken herausnehme und ausformuliere, Texte und Konzepte entwickle. 

Wichtig im kreativen Prozess sind außerdem Screenshots. Für „High Noon“ habe ich zum Beispiel über 500 Screenshots gesammelt, von den Atombombentests der 50er bis hin zu Reifenstoppern für LKWs, die als Material dienen können. Technisch lote ich dann aus, was geht. Durch die Screenshots nimmt meine Recherche Form an. Aus diesem Kosmos schöpfe ich dann für meine Arbeit.

Du hast in diesem Jahr ein Stipendium im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. Woran wirst Du arbeiten?

Ich hatte mich mit dem Thema „Scheitern und Versagen“ beworben. Allerdings werde ich das Thema höchstwahrscheinlich modifizieren und zum Thema Resilienz arbeiten. Auch dazu gibt es bereits einen Ordner mit Screenshots. Ich werde mich mit der Widerstandsfähigkeit und dem Durchhaltevermögen auch in „schwierigen Lebensphasen“ in Bezug auf die Mensch-Maschine-Thematik beschäftigen.

Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Julia Weigl-Wagner am 7. Mai 2021

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