„Klang ist ein Geheimnis“ – Interview mit Bernd Bleffert

Bernd Bleffert ist Klangkünstler. 1955 in Altenahr, Rheinland-Pfalz geboren, gehört er zu den Gründern des Ensembles für experimentelle Musik „Tonwerke Trier“ und ist einer der Köpfe des Festivals für Aktuelle Klangkunst „Opening“. Seit etwa 20 Jahren arbeitet Bleffert an Klanginstallationen in Naturräumen und im Kontext von Ausstellungen. Vom 26. März bis zum 2. Mai sind seine Arbeiten im donumenta ART LAB Gleis 1 in der ehemaligen Fußgängerunterführung am Hauptbahnhof Regensburg zu sehen und zu hören. – Bis auf Weiteres pandemiebedingt erst einmal als Online-Führung.

Herzlich willkommen, Bernd Bleffert in Regensburg. Ihre Kurzvita erzählt, dass Sie als Musiker zur Klanginstallation kamen. Wie verlief dieser Weg?

Dieser Weg hat in meiner Jugend begonnen und teilweise sogar noch früher. Dort liegen die Wurzeln. Das sind neben dem für meine jetzige Arbeit eher unwesentlichen Musik- und Instrumentalunterricht vor allem Klangerlebnisse in der Natur … – Ich bin an einem Fluss aufgewachsen und als Kind regelmäßig mit den sich im Jahreslauf verändernden Rauschklängen eingeschlafen. Aber auch die Klänge eines Sägewerks mit Zimmerei haben sich mir eingeprägt. Erste Klang-Experimente fanden in dieser Zeit statt. Später habe ich daran anknüpfen können. Auf der Suche nach neuen Klangfarben habe ich aus Metallen, Hölzern und Steinen Schlagwerke gebaut und diese dann im Kontext freier Improvisation gespielt. So kam eines zum anderen und führte schließlich zu Klangobjekten und Installationen, die nicht mehr nur von mir selber aktiviert oder bespielt werden, sondern interaktiv funktionieren. 

Was ist Klang?

So klingen fliegende Knochen – Bernd Blefferts Spiel mit Materialien (Foto: Julia Weigl-Wagner)

Klang ist und bleibt ein Geheimnis, das man nicht wirklich ergründen kann. Natürlich kann man es physikalisch erklären, durch Schwingungen etc. Dennoch ist dies nur ein Teil dessen, was da wirklich vor sich geht. Wenn sich also zwei Dinge begegnen oder anstoßen, entsteht Klang. Aber dass wir ihn hören, ist dennoch ein Mysterium. Klang hat etwas mit Begegnung zu tun und auch mit Berührung. Berührung meine ich im doppelten Sinne. Physich sichtbar wie hörbar berührt ein Klang uns immer auch seelisch. Das kann angenehm oder unangenehm sein. In jedem Fall berührend.

Welche Ansprüche stellen Sie an eine Klanginstallation? Was macht eine gute Klang-Installation aus?

Das kann ich nur für meine eigenen Arbeiten beantworten. Klangkunst gibt es unter diesem Begriff etwa seit den 1960er Jahren. Die meisten Arbeiten wurden und werden elektronisch, mechanisch oder digital realisiert. – Ich folge einem anderen Ansatz und sehe mich auf dem Feld von Soundart in gewisser Weise als Exot. Im Gegensatz zu meinen Kollegen beschäftige ich mich mit analogem Klangmaterial. Je einfacher die Dinge sind, wie zum Beispiel rieselnder Sand oder tropfendes Wasser, um so reizvoller erscheint es mir, sie für eine Installation zu verwenden. Ich suche einfache, eher unspektakuläre Klänge, die dann in eine Form transferiert werden, die wiederum den Anspruch hat, einfach zu erscheinen. Wenn Inhalt – in diesem Fall der Klang – mit der Form, also der plastischen Gestalt übereinstimmt, nähere ich mich einem Zustand der Zufriedenheit 🙂 

Im donumenta ART LAB Gleis 1, der ehemaligen Fußgänger-Unterführung am Hauptbahnhof Regensburg ist es ja nicht gerade leise. Was inspirierte Sie bei Ihrer ersten Begegnung mit diesem Ort und wie integrieren Sie die vorhandenen Geräusche?

Ja, diese Röhre ist in gewissem Sinne eine Herausforderung. Zumal einige meiner Arbeiten sich nicht auf Lautstärke kaprizieren. Ganz im Gegenteil dazu ist Stille für mich ein zentrales Anliegen und Ansatz meiner klangkünstlerischen und musikalischen Arbeit. Die Unterführung selbst ist ja mit ihren 60 Metern kein kleiner Raum, aber sie schafft neue Möglichkeiten. Einzelne Arbeiten, auch neue, für diese Situation geschaffene, fügen sich in dieser Röhre zu einer neuen Gesamt-Installation. Das ist das Spannende an der ganzen Sache.

Das Integrieren der Klangkulisse des Hauptbahnhofes in diese Röhre hat mich begeistert. Es ist ja ein überlagerter Vorgang. Da geschieht etwas, das ich nicht steuern kann, nicht steuern will. Das trifft einen weiteren wesentlich Aspekt meiner Arbeit, den Zufall. Eine interessantere Begegnung mit dem Zufälligen kann man sich kaum vorstellen. Hinzu kommt, dass ein Hauptbahnhof ein ganz besonderer Kosmos ist – zentral und von besonderer gesellschaftlicher Relevanz. „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.“ – Dieses Zitat von Joseph Beuys bringt es auf den Punkt! Insofern fühle ich mich auch sehr geehrt, dort diese Ausstellung realisieren zu können.

Sie leiten das Festival „Opening“ für aktuelle Klangkunst in Trier. Was macht den Charakter dieses Festivals aus?

Dieses nun seit 20 Jahren existierende Festival beschäftigt sich mit Klangkunst im weitesten Sinne. Das heißt, es gibt ein Konzertprogramm Neuer Musik über drei Tage und parallel dazu eine vierwöchige Klangkunstausstellung, die immer wieder aktiv bespielt wird.

Das „Opening“ ist ein Ort der Begegnung von Publikum und Künstlern und gleichzeitig ist es ein innovativer Raum künstlerischer Auseinandersetzung in weitestem Sinne. Unser Ziel ist es, einem breiteren Publikum Neue Musik und Klangkunst nahe zu bringen. Wir wollen Brücken schlagen und für dieses Genre werben. Das Festival hat für die agierenden Künstler Werkstattcharakter und ist damit ein temporärer Ort für neue Schöpfungen, Experimente usw. Kurz gesagt: Entwicklung und Realisierung von Neuem stehen im Zentrum. „Opening“ ist besonders auch ein Forum für junge Künstler und Komponisten, die am Beginn ihrer musikalischen Karriere stehen. Das Festival hat mittlerweile viele Uraufführungen zu verzeichnen, Geburtsakte von großem Interesse und oft auch Werke, die explizit für das Festival entstanden sind.

Wenn es um Klang geht, dann stehen Sie für Spiel- und Experimentierfreude, für Innovation auf diesem Gebiet. Sie arbeiten zum Beispiel auch in Naturräumen. Was kommt als nächstes?

Im Augenblick ist das auf Grund der aktuellen Situation ja kaum zu sagen, weil alles kaum planbar ist. Dennoch bleibt die Möglichkeit, sich in den eigenen Räumen mit den Themen zu beschäftigen, die sich künstlerisch stellen. Soviel ist jedenfalls klar, ich werde meinen Weg fortsetzen, auf der Suche nach dem Wesentlichen, werde ich den einfachen Dingen auf der Spur bleiben. Diese aktuelle erzwungene Pause werde ich nutzen und mich von den Einschränkungen nicht gefangen nehmen lassen. Die Kunst lässt sich nicht einschränken, allenfalls unser Empfinden wird davon berührt. Das Wesentliche scheint mir aber jenseits dieser allgemein vielleicht überbetonten Empfindlichkeit zu liegen: Ich will es jedenfalls als Herausforderung annehmen.

Immerhin ist neben dem verschobenen Opening-Festival im Sommer eine Ausstellung im September in Krefeld geplant, auf die ich mich sehr freue!

Bernd Blefferts Installation „Garten der Erinnerung“ im donumenta ART LAB Gleis 1 am Hauptnahnhof Regensburg. (Video Julia Weigl-Wagner)

Danke für das Gespräch

Das Interview führte Julia Weigl-Wagner am 11.03.21

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