Wörter im öffentlichen Raum – Interviev mit Dušan Zahoranský

Dušan Zahoranský (geb. 1972) war 2019 vier Wochen lang Artist in Residence der donumenta. Er studierte in Bratislava und Nottingham, lebt und arbeitet in Prag, lehrt an der dortigen Kunstakademie und gehört zu den bedeutendsten Künstlern Tschechiens. Zahoranský ist ein Meister der Typografie im öffentlichen Raum. „Wörter in einer öffentlichen demokratischen Umgebung fördern die Diskussion“, sagt er. Ab 3. September werden die Eiserne Brücke in Regensburg in MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE und der Lände nördlich des Museums der Bayerischen Geschichte (Marc-Aurel-Ufer) in ALAN & GHALIB KURDI HAFEN umbenannt. Die symbolische Umbenennung erfolgt zeitlich befristet bis Anfang Dezember. Dušan Zahoranský nennt sein Werk SEARCH AND RESCUE.

Was war Dein erster Eindruck von Regensburg?

Die Eiserne Brücke in Regensburg wird MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE (Fotomontage Dušan Zahoranský)

Regensburg ist sowohl eine historisch sehr bedeutende als auch moderne und wachsende Stadt. Außer der Rolle Regensburgs für die Tschechische Chrisitianisierung im 9. Jahrhundert oder seine wirtschaftliche und politische Bedeutung im 12. Jahrhundert war ich von den neuen Wohnsiedlungen beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, dass der Stadtplanung in der Stadtverwaltung kein geringer Stellenwert beigemessen wird. Die Stadt gründet auf einem tiefen kulturellen und historischem Fundament. Neue Straßen und Gebäude, zum Beispiel östlich des Hauptbahnhofs, zeigen gute menschliche Proportionen. Es scheint mir eine gute Architektur für zukünftige Bewohner zu sein. Auf der anderen Seite war ich überrascht vom Fehlen öffentlicher Kunst in der Stadt. Außer historischen Denkmälern, die Regensburger Bischöfen gewidmet sind, gibt es wenige sensibel platzierte, ehrliche Kunstwerke (Westheim) und fast keinen „symbolischen“ Schwerpunkt.

Dušan Zahoranský lehrt an der Kunstakademie in Prag.

Aus meiner Perspektive ist nur Dani Karavans Bodenrelief der frühreren Synagoge gut durchdacht und präzise umgesetzt. Das Denkmal fungiert sowohl als aktuelles Symbol als auch als spontaner Treffpunkt.

Wie kamst Du auf die Verbindung Regensburgs mit der Seenotrettungsinitiative Michael Buschheuers?

Wir diskutierten mit Regina Hellwig Schmid and Hans Simon-Pelanda über unsere Pläne. Ich fand es interessant, einen Kontrapunkt zur starken Konzentration auf „historische“ Figuren und Themen zu setzen. Ich hatte das Gefühl, dass es in der Öffentlichkeit an Geschichten und Persönlichkeiten mangelt, die die heutige Lebenswelt und das heutige Denken prägen. Wir sprachen über Carola Rackete und eine ähnlich mutige Frau. Sie setzen ihr Leben und ihre Energie für die Menschlichkeit ein und retten Leben unter sehr problematischen Bedingungen.

Regina und Hans erzählten mir, dass Michael Buschheuer die Seenotrettungs-Initiative Sea-Eye gründete und dass Carola möglicherweise auch vor Jahren in Regensburg aktiv war. Später fand ich Informationen in lokalen Zeitungen und im Internet. Ich habe mich intensiver mit der Problematik beschäftigt und mehr über Einwanderung und den Zusammenhang mit den Konflikten in Afrika und im Nahen Osten herausgefunden. Die Staaten in Europa und andere Supermächte haben eigene Interessen in diesen Krisenregionen.

Die Initiative von Michael Buschheuer zeigt, dass er und seine Aktivisten sich dieser geopolitischen Widersprüche zwar bewusst sind, es aber am Ende am wichtigsten ist, jedes einzelne menschliche Leben zu schützen und zu respektieren.

Wie steht das Thema Seenotrettung im Zusammenhang mit der Geschichte der UNESCO Weltkulturerbestadt und dem Motto des donumenta Artist in Residence-Programms “Heritage Today/Tomorrow”?

Die Initiative der donumenta ist für mich ein Medium, interessante, mitunter problematische Themen an die Öffentlichkeit zu bringen. Was sie im öffentlichen Raum umsetzt, ist sehr lobenswert. Ich bin sicher, dass die Strategie, die der donumenta e.V. bereits in den vergangenen Jahren verfolgte, sowohl Bürgerinnen und Bürgern, Touristen als auch Künstlerinnen und Künstlern selbst Perspektiven bieten kann.

Es war interessant, sich in den historischen Kontext der Stadt hineinzufinden, vom Mittelalter über das Zeitalter des Protestantismus bis hin zum Zweiten Weltkrieg und das 20. Jahrhundert. Ich hoffe, dass meine öffentliche Kunstintervention – wenn auch zeitlich befristet – einen neuen Akzent in die Stadt bringt. Für einige Zeit wird meine Arbeit die Aufmerksamkeit auf ein Phänomen ziehen, das eng mit der Stadt verbunden ist und sich für das menschliche Wohlergehen engagiert.

Du hast einmal gesagt: „Wörter in einer öffentlichen, demokratischen Umgebung regen zur Diskussion an “. Wie funktioniert das im Zusammenhang mit der MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE und dem ALAN & GHALIB KURDI HAFEN?

Hier möchte ich Bernard Darras zitieren, mit seiner präzisen Definition von Demokratisierung:

Historisch, ideologisch und politisch hat sich das Konzept der Demokratie gegen alle anderen Formen von Autorität und Regierung entwickelt, bei denen Menschen einer bestimmenden Rolle beraubt werden. Beispiele hierfür sind Theokratien, Aristokratien und Diktaturen. Daher erfordert jeder als Demokratisierung bezeichnete Prozess, dass die gesamte Bevölkerung in die Bewältigung des Phänomens ‚Demokratisierung’ involviert, befragt und einbezogen wird.“  
(Bernard Darras:  Values of Arts and Cultural Education, in: van Heusden, Barend / Gielen, Pascal (Hg.): Arts Education Beyond Art / Teaching Art in Times of Change, Valiz 2015, Seite 60)

Ich hoffe, dass unsere vorübergehende Aneignung der Namen der Eiserne Brücke und des Marc-Aurel-Ufers die Aufmerksamkeit der Passanten auf noch ungelöste Probleme lenken wird, aber mit der Betonung auf die Entwicklung ihrer persönlichen Stärke. – Diese Haltung habe ich zufällig in der Michael-Buschheuer-Initiative in Regensburg in einer sehr konkreten Form gefunden. Ich respektiere sie sehr. Vielen Dank für Unterstützung und Vertrauen.

Das Interview mit Dušan Zahoranský führte ich für den donumenta e.V. ursprünglich auf englisch.

19.08.2020/JW2

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