Namen sollen Menschen bewegen – Interview mit Tima Kurdi

Ab 3. September 2020 wird es in Regensburg für drei Monate einen ALAN & GHALIB KURDI HAFEN und eine MICHAEL BUSCHHEUER BRÜCKE geben. Die Namen stehen für menschliche Not und Hilfe. Sie sind Teil der Arbeit “SEARCH & RESCUE” des tschechischen Künstlers Dušan Zahoranský, Artist in Residence des donumenta e.V. 2019 – Tima Kurdi, die Tante von Alan und Ghalib Kurdi, wird anlässlich der Enthüllung am 3. September sprechen.  Alan Kurdi ist der tote Jungen am Strand, dessen Bild Anfang September 2015 um die Welt ging. Der Zweijährige wurde zur Ikone für das humanitäre Not von Flüchtlingen. Auch Alans Bruder Ghalib und Mutter Rehanna überlebten die Flucht zum Vater, der bereits in die Türkei geflohen war, nicht. Für Tima Kurdi, die heute in Kanada lebt, war das Schicksal ihrer eigenen Familie der Auslöser, sich für die Rechte von Flüchtlingen zu engagieren.

Tima Kurdi, Sie sind in Damaskus geboren und leben seit fast 30 Jahren in Kanada. Nachdem der Krieg in Syrien 2011 ausbrach, wollten Sie Ihre dort lebenden Familienmitglieder nach Kanada holen. Was haben Sie unternommen?

Als in Syrien der Krieg ausbrach, floh meine Familie wie Tausende andere in die Türkei. Die Familie meines Bruders Abdullah war aus Kobani geflohen, um zu ihm nach Istanbul zu gelangen. Es waren herzzerreißende Zustände. Und als ich sie 2014 besuchte, sah ich mit meinen eigenen Augen wie ihre Situation war, wie sie darum kämpften in diesem neuen Land zu leben, besonders die Kinder. Ich sah, dass meine Nichte und meine Neffen gezwungen wurden zu arbeiten, statt zur Schule zu gehen.

Seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien flehten meine Leute um Hilfe, doch niemand reagierte. Ich tat, was ich konnte, um meine Familie zu unterstützen, schickte Geld und versuchte sie nach Canada zu holen, aber Canadas Grenzen blieben geschlossen, unser System versagte.

Als Ihre beiden Neffen Alan und Ghalib auf der Flucht aus Syrien nach Europa starben, waren sie zwei und vier Jahre alt. Was veranlasste Sie trotz des Schmerzes, den Sie erfahren haben, sich jetzt erst recht und über die eigene Familie hinaus für die Rechte von Flüchtlingen zu engagieren?

Viele Monate lang hatte ich um ihre Einreise gekämpft und erledigte die Formalitäten, bis ich an jenem 2. September 2015 die tragische Nachricht hörte, dass meine Schwägerin Rehanna und meine beiden Neffen Alan und Ghalib Kurdi ertrunken waren. Ich werde diesen 2. September nie vergessen. Ich wachte auf, hörte diese Nachricht und sah das Bild meines Neffen Alan am Strand. Ich schrie so laut ich konnte. Ich wollte, dass die Welt mich hörte. Dann traf ich diese Entscheidung. Ich sagte mir: Wenn ich meine eigene Familie nicht retten kann, dann will ich andere retten.

Ihre Reden sind sehr persönliche Statements. Sie erreichen dadurch viele Menschen. Was erwarten Sie sich von der europäischen und deutschen Flüchtlingspolitik?

Ich hoffe, dass die europäischen Länder und Deutschland Flüchtlinge weiterhin willkommen heißen und ihnen ihre Grenze öffnen, denn sie fliehen, weil sie dazu gezwungen werden und ihnen keine andere Wahl bleibt. Ferner hoffe ich, dass die internationale Gemeinschaft zusammenkommt, um eine friedliche Lösung zu finden, Krieg und Armut überall zu beenden. Dann wird es keine Flüchtlinge mehr geben. Bis dahin müssen wir den leidenden Menschen helfen, ihr Leben – wie alle anderen – in Frieden leben zu können.

Der donumenta e.V., ein Kunstverein in Regensburg gedenkt des Schicksals Ihrer Familie mit der temporären Umbenennung eines Uferabschnitts an der Donau in ALAN & GHALIB Kurdi Hafen. Wie wirkt das auf Sie?

Worte können mein Gefühl nicht beschreiben. Es berührt mich sehr und ist gleichzeitig schmerzhaft. Ich möchte, dass die Namen Alan und Ghalib Kurdi eine dauerhafte Erinnerung in Herz und Verstand der Menschen sind und ich hoffe, dass sie niemals das Bild des Jungen am Strand vergessen. Ich hoffe, dass die Namen Menschen dazu bewegen können, aufzustehen und ihre Stimme zu erheben, um anderen in Not zu helfen.

Danke für das Interview, Tima Kurdi.

Das Interview führte Julia Weigl-Wagner am 24. August 2020 für den donumenta e.V. in englisch

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